Die vergessenen Kinder in den Fokokus geholt

Schutzraum für traumatisierte Kinder

Schutzraum für traumatisierte Kinder

Therapeutisch begleitete Gespräche: Kinder von psychisch kranken Eltern finden in die Normalität zurück / Austausch mit anderen Betroffenen

Neumünster. Das Lokale  Bündnis für Familien der  Stadt organisiert für den 18. Juni im Lebensmittelinstitut KIN an der Wasbeker Straße einen öffentlichen Thementag zum schweren Los  von Kindern mit psychisch  kranken Elternteilen. Der Courier stellt beispielhaft Einrichtungen vor, die sich  mit der noch immer stark tabuisierten Problematik befassen und Hilfsangebote bieten. Heute der letzte Teil der Serie.

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Wenn Charlotte aus der Schule kommt, steht kein warmes Essen auf dem Tisch. Ihre Mutter liegt im Bett und schläft. Die Wohnung ist unordentlich, Charlotte schämt sich und ist verwirrt, weiß nicht, was sie machen kann, damit es Mama besser geht. Hat sie etwas falsch gemacht? Sie weiß, dass etwas nicht stimmt – aber was genau? Kinder von psychisch kranken Eltern, wie die fiktive Charlotte aus Kirsten Boies Buch „Mit Kindern redet ja keiner", fühlen sich allein gelassen mit ihren Problemen. Um ihnen Halt zu geben, sie zu entlasten und zu unterstützen, sie aufzuklären und zu stärken, gibt es seit 2009 therapeutisch begleitete Gruppenangebote als ein gemeinsames Projekt der Brücke Neumünster als Träger und des Kinderschutzbundes (KSB).

Kinder merken, dass etwas anders ist. Sie sind in einer besonders schwierigen Situation und fühlen sich häufig mitverantwortlich dafür, dass es Mama oder Papa schlecht geht. Sie trauen niemandem und spüren, dass die Eltern Angst davor haben, dass ihnen die Kinder weggenommen werden. „Kinder wissen automatisch, dass sie nicht darüber reden sollen", sagt Godela Köster, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin beim KSB. Sie, Fritz Bremer, Diplompädagoge und pädagogischer Leiter der Brücke Neumünster, und Diplom-Sozialpädagoge Ralf Witte vom Ambulanten Dienst der Brücke stoßen erstmal auf Skepsis – sowohl bei Eltern als auch Kindern.

Auf solche Fälle werden die Helfer in der Regel von Kinderärzten, dem FEK, der Fachklinik Hahnknüll, dem Allgemeinen Sozialen Dienst oder niedergelassenen Therapeuten hingewiesen. Wenn der Kontakt hergestellt ist, sind die Kinder oft unsicher und ängstlich, denn sie haben erlebt, wie Nachbarn oder andere Vorurteile haben, Kommentare abgeben. Sie sind sozial isoliert, weil sie sich nicht trauen, Klassenkameraden nach Hause einzuladen, weil Mama beim letzten Mal ausgerastet ist. Sie sind belastet, weil sie die Aufgaben der kranken Eltern übernehmen, den Haushalt wuppen,  jüngere Geschwister betreuen.  „Das ist eine große Last für kleine Schultern", sagt Godela Köster.

In der Gruppentherapie erfahren die Kinder, an was genau ihre Eltern erkrankt sind. Sie werden befreit von ihrer Verantwortung; sie lernen, was die Wirklichkeit ist – denn oft stehen sie zwischen der Realität der kranken Eltern und der, die sie „da draußen" erfahren: „Bei einem Kind waren die Fenster abgeklebt aus Angst vor Aliens", erzählt Godela Köster. In der Therapie dürfen die Kinder ihre Gefühle zulassen und  reden. Hier können sie erfahren, dass sie nicht allein sind. „Wir schaffen Vertrauen und Sicherheit, entlasten die Kinder  von ihren Schuldgefühlen, helfen ihnen, Selbstvertrauen aufzubauen. Sie dürfen wieder Kind sein, Spiel und Sport mit Freunden machen", sagt Godela Köster. Parallel gibt es  Elterngespräche.

2009 startete das erste Angebot dieser Art; finanziert wurde es durch Stiftungen und private Spenden. Seit 2015 wird es von der Stadt gefördert. Bremer: „Neumünster ist Vorreiter, wir sind eine der wenigen Regionen mit so einem Angebot." 18 Kinder werden pro Jahr in zwei Gruppen therapiert, 2013 wurde eine fortgeschrittene Gruppe für Nachgespräche ins Leben gerufen.

Laut Statistik leben drei bis vier Millionen Kinder bundesweit mit einem psychisch kranken Elternteil.  „Das Risiko, selbst psychisch zu erkranken, ist 25 Prozent höher als bei anderen Kindern. Der Bedarf ist höher als sichtbar, und er nimmt zu", sagen Bremer und Köster.

Den Kindern zu helfen, bedeutet auch immer,  die Eltern im Blick zu haben.  „Klinikaufenthalte sind der Super-Gau. Und eine Psychotherapie durchzustehen, ist ein riesiger Kraftakt", sagt Godela Köster. Mit Hilfe des Netzwerks wird die schwierige Situation überbrückt zum Beispiel mit  Haushaltshilfen. Oder es  gibt telefonische Gute-Nacht-Rituale. Die Eltern erfahren, dass sie ihre Kinder nicht automatisch verlieren, nur weil sie krank sind. Godela Köster: „Wir wollen  Eltern ermutigen, sich zu melden, damit wir konstruktiv die Situation verbessern können."

Gabriele Vaquette/ Holsteinischer Courier vom 6. Juni 2015

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Ehrlichkeit hilf Kindern ungemein

Ehrlichkeit hilft Kindern ungemein

Das Lokale Bündnis will Kindern  psychisch kranker Eltern mehr Gehör verschaffen / So helfen  ASD und das Beratungszentrum Mittelholstein

Neumünster.  Das Lokale  Bündnis für Familien der  Stadt organisiert für den 18. Juni im Lebensmittelinstitut KIN an der Wasbeker Straße einen öffentlichen Thementag zum schweren Los  von Kindern mit psychisch  kranken Elternteilen. Im Vorfeld der Tagung stellt der Courier beispielhaft Einrichtungen vor, die sich  mit der noch immer stark tabuisierten Problematik befassen und Hilfsangebote bieten. Heute: Der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) der Stadt und das Beratungszentrum Mittelholstein (BZM) der Diakonie.

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Nicht nur ihre Kinder, auch die psychisch  belasteten Eltern selbst haben oft doppelt zu leiden: Zur Krankheit selbst gesellt sich nicht selten die nackte Angst: Was ist, wenn  meine Probleme rauskommen? Wird das Jugendamt  mir die Kinder wegnehmen?  Das Klischee vom „bösen" Jugendamt ist weit verbreitet,  hat  mit der Wirklichkeit aber wenig zu tun, versichert  Jörg Hellberg, der als Chef des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD)  auch für das Kindeswohl in den Familien  der Stadt Verantwortung trägt. Der Entzug des Sorgerechts sei  immer nur die  Ultima   Ratio –  der letzte Ausweg, unterstreicht Hellberg. Vorrangiges Ziel auch der Behörde sei es  vielmehr, die betroffenen Familien zu stützen und die Familiensituation zum Wohle des Kindes zu stabilisieren, erklärt Hellberg.  Das  funktioniere wiederum am besten  mit einem möglichst breiten Netzwerk verschiedener professioneller oder auch ehrenamtlich engagierter Helfer.

Ein Beispiel: Eine offenbar hoffnungslos überforderte junge Mutter drohte in ihrer Panik, ihr Kleinkind vom Balkon zu werfen und selbst hinterherzuspringen.  Statt  Mutter und Kind  vorschnell voneinander zu trennen, spann der ASD in enger Abstimmung mit der jungen Mutter ein enges Band aus Unterstützern, das fast rund um die Uhr Alarmbereitschaft übernahm.  Ein Pastor, eine Familienhebamme, eine vertraute Nachbarin und andere Helfer  knüpften  mit dem ASD ein Sicherungsnetz, das die Mutter bei wieder aufflammender Panik aufgefangen hätte. In der Gewissheit, im Falle eines Falles nicht allein zu sein, gewann die junge Mutter ihr Selbstvertrauen zurück, die  Lage stabilisierte sich langsam, aber sicher.

 Ein wichtiger Partner beim Aufbau solcher Rettungsschirme ist das Beratungszentrum Mittelholstein (BZM), das heute  unter dem Dach der Diakonie Am Alten Kirchhof auf über 40 Jahre Erfahrung in der Lebens- und Partnerberatung  zurückblicken kann. Ob Erziehungs- oder Schulprobleme, Spannungen in der Partnerschaft oder eben psychische Belastungen in der Familie – den Sozialpädagogen und Therapeuten des BZM ist kaum ein familiäres Problem unbekannt – auch nicht die Belastung von Kindern mit psychisch kranken Elternteilen: Gut jeder fünfte Jugendliche, der in der Beratung betreut wird, leidet unter einem psychisch belasteten Elternhaus, schätzt BZM-Beraterin Gundula Deicke. Im Bemühen, betroffene Kinder und Eltern zu entlasten, setzen  Deicke und ihre Kollegen vor allem auf Aufklärung:   „Wir versuchen die Eltern zu überzeugen, die Perspektive der Kinder einzunehmen und sie zu motivieren, den Kindern zu erklären, was mit ihren Eltern los ist", erklärt Gundula Deicke. Sind sie dazu nicht in der Lage, kann auch die Therapeutin diese  Aufgabe übernehmen.

Die Strategie ist klar: Die  Kinder lernen,  dass sie an dem „merkwürdigen", oft auch distanzierten Verhalten ihrer Eltern nicht schuld sind, dass sie mit „ihrem  Problem" nicht allein stehen.  Sie lernen, mit der Situation  zu Hause besser umzugehen, im Idealfall auch, sich vor Überforderungen aus dem Elternhaus zu schützen. Allein die Möglichkeit, das Tabuthema jetzt offen ansprechen  zu können, entlaste sie oft, sagt  Gundula Deicke.  Und meist auch die Eltern:  Den meisten Betroffenen sei ja durchaus bewusst, dass ihre Kinder mitleiden, und den wenigsten sei das egal, unterstreicht die BZM-Therapeutin.

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Der  Thementag über Kinder psychisch kranker Eltern am 18. Juni von 16 bis 20 Uhr versteht sich sowohl als Informationsbörse für alle, die sich besser informieren wollen, als auch als Forum für engagierte Helfer, Lehrer, Erzieher  und Nachbarschaftshilfen, die sich vorstellen oder mit anderen Helfern vernetzen möchten.  Wer sich auf dem  Thementag selbst mit einbringen möchte, kann unter Tel.  942-2557 mit Jörg Asmussen vom Fachdienst Frühkindliche  Bildung der Stadt Kontakt aufnehmen.

Lesen Sie morgen: Therapeutisch begleitete Gruppenangebote, ein Projekt des Kinderschutzbundes und der Brücke Neumünster.

Jens  Bluhm/ Holsteinischer Courier vom 5. Juni 2015

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Die redet so komisch..

„Die redet so komisch, gucken Sie doch mal!“

Das Lokale Bündnis für Familien will Kindern von psychisch kranken Eltern mehr Gehör verschaffen / Helfer stellen sich am  18. Juni im  KIN vor /  So hilft der Sozialpsychiatrische Dienst

  Neumünster.  Das Lokale  Bündnis für Familien  organisiert für den 18. Juni im Lebensmittelinstitut KIN an der Wasbeker Straße einen öffentlichen Thementag zum schweren Los  von Kindern mit psychisch  kranken Elternteilen. Im Vorfeld der Tagung stellt der Courier beispielhaft Einrichtungen vor, die sich  mit der  stark tabuisierten Problematik befassen und Hilfe  anbieten. Heute: der Sozialpsychiatrische Dienst im Gesundheitsamt. 

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Der erste Hinweis kommt aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Mal ist es die Kita, mal die Schule, mal der Nachbar, ein Arbeitskollege  oder ein aufmerksamer Verwandter:  „Die redet immer so komisch . . .  Gucken  Sie doch mal!" Im Sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt nimmt man solche Hinweise ernst und recherchiert dann vorsichtig gegen. War es nur  ein Missverständnis oder gab es tatsächlich einen versteckten Hilferuf, einen Hinweis auf eine seelische Krise, eine psychiatrische Störung? Im Zweifel suchen die Fachleute  die Betroffenen auf, um sich selbst ein Bild zu machen. Die Mitarbeiter des Dienstes, ein Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie, eine Fachkrankenschwester für Psychiatrie, eine Diplom-Pädagogin und ein Diplom-Sozialpädagoge verstehen sich dabei  als Helfer, die möglichst gemeinsam mit den Betroffenen nach einer Lösung suchen  wollen, wie Fachkrankenschwester Isolde Fobian unterstreicht. „Wir bieten Beratungsgespräche an und vermitteln in bestehende Hilfen."  Dennoch ist  der erste  Kontakt nicht immer einfach.  Der Sozialpsychiatrische Dienst arbeitet auf Basis des  PsychKG, des Gesetzes zur Hilfe und Unterbringung psychisch kranker Menschen, und ist damit verpflichtet, notfalls auch zu Zwangsmaßnahmen zu greifen, zum Beispiel wenn die Betroffenen sich selbst oder andere gefährden. Die Aussicht auf eine Zwangseinweisung löst aber nicht selten Abwehrhaltungen aus. Die „Selbstmelder" sind daher  eher die Minderheit. 

 Ist der Erstkontakt dagegen erst einmal hergestellt, wird der Sozialpsychiatrische Dienst leichter als Helfer in einer schwierigen Lebensphase akzeptiert. „Wir haben viele langfristige Kontakte zu Betroffenen und Angehörigen, die sich von sich aus melden, wenn es ihnen oder ihren Angehörigen wieder mal schlechter geht", sagt Isolde Fobian. Da wachse dann auch Vertrauen.

Was auch Insider wie Fachärzte und Sozialdienste oft nicht wissen: Der sozialpsychiatrische Dienst ist ausschließlich für erwachsene Menschen ab 18 Jahren zuständig.

Dass deren Mitarbeiter Kinder gleichwohl nicht links liegen lassen, wenn sie in den Familien  auf Menschen mit psychischen Störungen treffen, versteht sich von selbst. In der Regel kümmert sich der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) der Stadt dann um die Frage, ob und wie die Kinder versorgt werden. Geht es um die bloße Versorgung der Kleineren ist das der leichtere Fall. Schwieriger wird bei den Größeren. Denn seelische Krisen von Erwachsenen haben fast immer auch psychische Auswirkungen auf die Kinder, zumindest dann, wenn die schon spüren oder verstehen können,  dass mit Mama oder Papa „etwas nicht stimmt". Ängste, Schuldgefühle, und massive Überforderung, etwa durch die erzwungene Übernahme der Elternrolle (Versorgung von Geschwistern, Haushaltsmanagement etc.) können dann zu einer schweren Belastung oder im Extremfall  zu einem viel zu frühen Sterben der Kindheit führen und  ihrerseits seelische Störungen auslösen, die die Betroffenen  ihr Leben lang begleiten.

Um das zu verhindern, arbeitet der Sozialpsychiatrische Dienst unter anderem auch mit der  Kinder- und Jugendpsychiatrie des FEK zusammen. Sie hilft  Familien mit Kindern und Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr, wenn sie sich psychisch belastet fühlen. Wesentlicher Baustein für schwierige Fälle ist dabei die Tagesklinik „Sterntaler", eine teilstationäre Einrichtung für Familien und Kinder mit psychischen Problemen. Hier werden Kinder zwischen 5 und zwölf Jahren aufgenommen, wenn die ambulanten Behandlungsmöglichkeiten nicht ausreichen.

„Wir müssen nicht alle Kinder von betroffenen Eltern behandeln, aber wir sollten immer einen Blick auf sie  haben", fordert die leitende Ärztin Christin Frehse.  „Die Kinder tragen immer das Päckchen der Eltern mit."

Das lässt sich auch statistisch belegen:  Rund ein Drittel bis zur Hälfte aller Kinder in stationärer kinder- und jugendpsychatrischer  Behandlung, so schätzen Experten,  haben auch  ein  Elternteil mit psychiatrischer Störung.

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Der  Thementag zum Thema Kinder psychisch kranker  Eltern am 18. Juni versteht sich sowohl als Informationsbörse für alle, die sich besser informieren wollen, als auch als Forum für engagierte Helfer, Lehrer, Erzieher  und Nachbarschaftshilfen, die sich vorstellen oder mit anderen Helfern vernetzen möchten.  Wer sich auf dem  Thementag selbst mit einbringen möchte, kann unter Tel.  942-2557 mit Jörg Asmussen vom Fachdienst Frühkindliche  Bildung der Stadt Kontakt aufnehmen.

Morgen: So hilft das Beratungszentrum Mittelholstein.

Jens Bluhm/ Holsteinischer Courier vom 4. Juni 2015

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Das Leider der Kinder aufbrechen

Das Leiden der Kinder aufbrechen

Das Lokale Bündnis für Familien will auf das schwere  Los von Kindern mit psychisch kranken Eltern aufmerksam machen  / Thementag am 18. Juni

Neumünster. Jonas ist zehn  und liebt Fußball, aber seinem Freund Tom  hat er auch heute wieder abgesagt, zum Kicken auf dem Bolzplatz zu kommen. Die anderen aus seiner Klasse wollen sowieso nichts mit ihm zu tun haben, weil er „immer so komisch ist" . Dabei hat Jonas bloß keine Zeit. Er muss nachher noch zum Einkaufen und sich eine neue Ausrede für den Hausmeister ausdenken, warum der auch  heute wieder nicht  die seit Wochen  kaputte Waschmaschine angucken kann. Aber niemand darf wissen, dass Mama heute morgen wieder nicht aufgestanden ist.  Warum nur ist sie immer so schlecht gelaunt und hat Kopfschmerzen? Hat er Mama vielleicht nicht lieb genug? Manchmal wünscht sich Jonas, er wäre gar nicht da, dann würde es ihr bestimmt besser gehen . . .

Der kleine Jonas ist frei erfunden, seine Geschichte dennoch leider nicht  weit von der Realität entfernt:  Zwischen einer und   vier Millionen Kinder (so schätzen  Experten)  leben in Deutschland mit einem psychisch kranken Elternteil zusammen –  mit  teils dramatischen Folgen für die Entwicklung und Zukunft dieser Kinder. Bricht man die Zahlen auf Neumünster herunter, dürfte es hier vorsichtig geschätzt bis zu  1000 Kinder und Jugendliche geben, die unter dem Leiden ihrer Eltern leiden – zumeist unbemerkt oder unbeachtet von Nachbarn und dem Umfeld. Denn psychische Krankheiten sind aller Aufklärung zum Trotz noch immer ein gesellschaftliches Tabu, das vor tuschelnden Nachbarn gern verborgen wird. Für Kinder ist das eine nahezu ausweglose Situation, die sie auf Dauer fast zwangsläufig zerbricht.

Das Lokale Bündnis für Familien (siehe Infokasten) hat sich daher vorgenommen, die Situation von Kindern psychisch kranker Eltern in diesem Jahr in den Mittelpunkt seiner Aktionen zu stellen. Mit einem öffentlichen Thementag  am 18. Juni will das Bündnis das schwierige Thema aus der Tabuzone holen. Betroffene, professionelle Helfer und engagierte Bürger sollen miteinander in Kontakt kommen  oder Hilfsangebote vorstellen, die zur Entlastung der betroffenen Familien beitragen könnten.  Wiebke Schubert vom Verband  „Angehöriger psychisch Kranker" in Nordrhein-Westfalen,  selbst Tochter einer schizophrenen Mutter, wird über ihre Erfahrungen berichten und dabei auch klarstellen, welche Hilfen sie sich als Kind gewünscht hätte. Der Kurzfilm „Lilli" schildert  am Beispiel eines jungen Mädchens den typischen Leidensweg einer Betroffenen. Kurze Vorträge sollen zur  Diskussion einladen, die dann in kleinen  Podiumsrunden vertieft werden kann.

Dabei versteht sich der Thementag sowohl als Informationsbörse für alle, die sich besser informieren wollen, als auch als Forum für engagierte Helfer, Lehrer, Erzieher  und Nachbarschaftshilfen, die sich vorstellen oder mit anderen Helfern vernetzen möchten.

Wer sich auf dem  Thementag selbst mit einbringen möchte, kann unter Tel.  942-2557 mit Jörg Asmussen vom Fachdienst Frühkindliche  Bildung der Stadt Kontakt aufnehmen.

Der Holsteinische Courier wird das Projekt des Lokalen Bündnisses als Medienpartner begleiten und stellt im Vorwege des Thementags   professionelle Einrichtungen vor, die betroffenen Kindern und Eltern weiterhelfen.

Lesen Sie morgen: So hilft der Sozialpsychiatrische Dienst im Gesundheitsamt.

Jens Bluhm/ Holsteinischer Courier vom 3. Juni 2015

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Pressearchiv

Holsteinischer Courier vom 16. März 2013

Kalender mit Tipps für die ganze Familie (Kieler Nachrichten vom 26.12.2011)

Lokales Bündnis und Verlag kooperieren – „Familienfreundliche Stadt“ betonen Neumünster. Nein, keine cineastischen „Kalender Girls“ aber ein Familienkalender für Neumünster: Der erscheint als Premiere für das Jahr 2012 dank einer Kooperation des Lokalen Bündnisses für Familie und des mediaprint infoverlags – und sogar kostenlos.

Von Sabine Nitschke

„Wir sind froh, dass das geklappt hat, und wollen damit ein Zeichen setzen, dass Neumünster eine familienfreundliche Stadt ist und welchen Stellenwert Familien für Neumünster haben“, betonte Stadtrat Günter Humpe-Waßmuth gestern bei der Präsentation als Mitglied des Lokalen Bündnisses. Erst in diesem Monat hatte der Rat eine Million Euro bewilligt, um die Schaffung von Kita-Plätzen für Kinder unter drei Jahren zu forcieren.

Wie Rosemarie Coordes vom in Paderborn beheimateten Verlag betonte, ist Neumünster mit diesem Kalender Vorreiter-Stadt in Schleswig-Holstein. Bundesweit gibt es ihn bereits in zehn Städten wie Leipzig, Neuss oder Darmstadt. Und dass er kostenlos abgegeben werden kann, ist den Anzeigenkunden vor Ort zu danken. Mediaprint veröffentlicht auch Elternratgeber sowie bundesweit Broschüren für Kommunen und die Industrie- und Handelskammern.

Der Kalender im (aufgeklappten) Format von 29 mal 67 Zentimetern ermöglicht Termin- und Geburtstagseintragungen, gibt eine Übersicht über die Ferientermine, Kita-Einrichtungen in Neumünster und wichtige Notrufnummern angefangen von der Feuerwehr bis hin zum Rollstuhl-Notdienst. Und er gibt auch handfeste Tipps. Für entspanntes Einkaufen mit Kindern. Er informiert über frühe Förderung, Über den Umgang mit Taschengeld und Finanzen im Allgemeinen. Humpe: „Trennungs- und Scheidungskinder bleiben in der Regel bei den Müttern; da gibt es häufig finanzielle Engpässe.“ Aber auch über Spiele für Kindergeburtstage, über gesunde Ernährung und Patchworkfamilien.

Auf allen Seiten begleiten die grüne Schildkröte und andere Figuren die Familien durchs ganze Jahr.

Zu haben sind Exemplare der größtenteils über die Kitas verteilten Auflage von 7000 Stück noch beim Fachdienst Kinder und Jugend, dem Bürgerbüro in der Rathaus-Arkade und bei der AOK. Und das Beste daran: 2013 wird es wieder einen Familienkalender geben.

Schmucke Planungshilfe für Familien (Holsteinischer Courier vom 28.12.2011)

Stadt und Fachverlag legen Neumünsters ersten Familienkalender vor / 7000 Exemplare werden kostenlos verteilt

Neumünster / 28. Dezember 2011. Für Neumünsters Familien gibt es für das neue Jahr eine neue Möglichkeit, die Termine zu verwalten. Im Rathaus stellte Sozialdezernent Günter Humpe-Waßmuth jetzt Neumünsters ersten “Familienkalender” vor. 7000 Exemplare des schmucken Terminplaners für die Wand wurden und werden in diesen Tagen in Kitas, über die Kindertagespflege, Krankenkassen und ähnliche Einrichtungen kostenlos an interessierte Familien verteilt. Auch im Bürgerbüro der Stadt liegen Exemplare zur Abholung bereit.

Der praktische Küchenplaner im Format 30 mal 33 Zentimeter entstand in Kooperation zwischen dem lokalen Bündnis für Familien und dem Mediaprint-Infoverlag München und soll der ganzen Familie die Terminplanung erleichtern. Auf den flott gestalteten Monatsblättern können jeweils Vater, Mutter und bis zu drei Kinder (oder Oma) ihre Tagestermine eintragen; eine Extraspalte ist für die wichtigsten Geburtstage reserviert.

Abgerundet ist das Werk durch zahlreiche Infoblöcke und nützliche Tipps für den Familienrat. So enthält der Planer neben Ferienkalender und Notruftafel eine komplette Übersicht über alle 31 Kitas der Stadt und gibt prägnante Ratschläge zu klassischen Familenthemen wie Taschengeld, sichere Schulwege, gesundes Frühstück oder Kindergeburtstag. Ähnliche Kalender hat der Infoverlag bereits für Darmstadt, Neuss oder Leipzig entwickelt. Der Kalender wird komplett über Anzeigen finanziert und ist für die Stadt kostenlos. “Jetzt war mal Neumünster dran”, sagte Rosemarie Coordes vom Regionalbüro des Fachverlags, der sich auf anzeigenfinanzierte Ratgeber und Service-Broschüren für Kommunen spezialisiert hat. Für Neumünster produziert der Verlag unter anderen den jährlich erscheinenden “Elternratgeber”.

Der Neumünsteraner Familienkalender ist der erste seiner Art in ganz Schleswig-Holstein. Wird er gut angenommen, soll es ihn auch 2013 wieder geben.

Sozialdezernent Günter Humpe- Waßmuth, der gleichzeitig Vorsitzender des lokalen Bündnisses für Familien in Neumünster ist, versteht den Kalender auch als sichtbares Symbol für die Familienfreundlichkeit der Stadt. Im Bemühen, den Eltern und ihren Kindern gute Lebensbedingungen zu schaffen, sei Neumünster auf einem guten Weg, sagte Humpe-Waßmuth und erinnerte an den jüngsten Beschluss der Ratsversammlung, die Betreuungsplätze für unter Dreijährige massiv aufzustocken.

Fahrradaktionstag

Show und Infos rund ums Rad

Neumünster / 26. April 2010

Aktionstag „Fahr Rad – aber sicher“ kam bei Groß und Klein an / Lokales Bündnis ehrte Verkehrshelfer

Spektakuläre Luftsprünge auf BMX-Rädern waren das eine – viel, viel Interessantes rund ums Rad und über Sicherheit im Straßenverkehr das andere, was Besucher von einem Aktionstag „Fahr Rad – aber sicher“ am Sonnabend auf dem Großflecken mit nach Hause nehmen konnten. Eingeladen zu der bunten Mischung aus Show und Information hatte das „Lokale Bündnis für Familie“.

„In jedem Jahr haben wir ein anderes Schwerpunktthema. In einer Familienbefragung wurden vielfach die Bedingungen der Verkehrssicherheit für Kinder und Jugendliche kritisiert. Das haben wir zum Anlass genommen, so einen Infotag ins Leben zu rufen“, sagte Jörg Asmussen von der Stadtverwaltung. Für die Realisierung konnten mit der Polizeidirektion, dem Allgemeinen Deutschen Fahrradclub, der Verkehrswacht und dem Motorsportclub wichtige Partner ins Boot geholt werden. „Wir brauchten aber auch einen Reißer, der die Leute auf den Großflecken lockt“, verriet Asmussen und fand ihn bei den BMX-Profis von „Infaction“ aus Bönningstedt. Unter der Moderation von Sören Jacobs, Geschäftsführer bei „Infaction“, zeigten die BMX-Profis André Vogelsang (21), Sassan Kaykha (28) und der mehrfache BMX-Weltmeister Patrick Gross (28), der auch in den Vereinigten Staaten als große Nummer gilt, spektakuläre Stunts mit ihren „Bicycle Moto Cross“-Rädern. Im Anschluss gaben sie Workshops für junge Nachwuchs-Profis.

Großen Andrang gab es auch bei Franz Reuter, der vor Ort zu vergünstigten Preisen Fahrräder codierte. Die Fahrrad-Registrierung soll Langfinger abschrecken. Das Angebot nahm auch Hanna Drachner in Anspruch. „Mir wurde zwar noch nie ein Fahrrad gestohlen. Aber man weiß ja nie“, sagte die Neumünsteranerin. Während der Veranstaltung wurden durch Oberbürgermeister Dr. Olaf Tauras die Institutionen geehrt, die sich in Neumünster für die Verkehrssicherheit engagieren: der MSC für seine Radturniere, die Schülerlotsen und die Verkehrswacht, die Präventionsbeamten der Polizei und der Kreiselternbeirat.

Nach Ende des vierstündigen Aktionsvormittags zogen die Organisatoren ein erfreuliches Fazit: „Es kamen viele positive Rückmeldungen, dass man die Aktion jährlich wiederholen könnte“, sagte Jörg Asmussen.

Benjamin Steinhausen

Bericht zum Fahrradaktionstag

Spektakuläre Fahrrad-Akrobatik

Neumünster / 26. April 2010

Neumünster – Mit spektakulärer Luftakrobatik wie Salti inklusive Fahrrad, oder einem freiem Flug meterhoch über dem Pflaster, während das Rad unter dem Flieger in einer 360-Grad-Drehung rund um den Lenker rotiert, lockte die BMX-Show Infaction beim Aktionstag „FahrRad – aber sicher“ Zuschauer auf den Großflecken in Neumünster.

Eingeladen zu den Aktionen, die für richtiges Verhalten im Straßenverkehr sensibilisieren sollten, hatte das Lokale Bündnis für Familie. Seine Mitglieder, zu denen Schülerlotsen, ADFC, ADAC, Jugendschutz, Verkehrswacht, Elternvertretungen in Schulen und Kindergärten und die Polizei zählen, wurden von der Stadt für ihr Engagement ausgezeichnet. Stadtrat Günter Humpe-Waßmuth lobte die „positiven Aktivitäten, die die Verkehrssicherheit nach vorn bringen.“

Vormittags gab es lange Schlangen beim Fahrradcodierungsstand von Franz Werner, mittags nahm das Publikumsinteresse ab. Der ADFC informierte mit kostenlosen Radwanderkarten und seinem Jahres-Tourenprogramm über seine Angebote. Der Motorsportclub (MSC) Neumünster hatte einen Trainingsparcours aufgebaut: Auf einem fünf Meter langen, abgeschrägten Spurbrett ließ sich Balancegefühl checken, Koordination war beim Kreiselfahren mit Abnehmen und Wiederauflegen eines Metallringes auf einen Pfahl gefragt.

Die drei Fahrer der BMX-Show Andre Vogelsang (23), Sas Kayhka (28) und Paddy Gross (28), Profi-Weltmeister 2005 und Juniorweltmeister 1997, hatten ein Herz für die jungen Zuschauer, die beim BMX-Workshop mitmachen wollten: Sie luden die Reihe der Kinder ohne Wartezeit direkt nach der Show zu gut gesicherten Probefahrten auf 16 und 20 Zoll-Rädern über eine kleine Funbox und die hohen Rampen ihrer Sprung-Box. „Das ist der Nachwuchs,“ war sich Groß sicher, der mit acht Jahren die Extremsportart BMX für sich entdeckte. Heute will der Profi als gutes Beispiel Vorbild sein.

Schülerlotsen in Neumünster

Zur Sicherheit: Schülerlotsen bahnen Kleinen den Schulweg

Rund 30 engagierte Jugendliche sorgen in der Stadt dafür, dass die Jüngsten sicher zur Schule kommen

Neumünster / 24. April 2010

Manche Karrieren beginnen krumm: Weil er in der Schule „Blödsinn angestellt“ hatte, wie er sagt, traf Kevin Blohm mit seinem Schulleiter eine Abmachung. Zur Wiedergutmachung verpflichtete sich der 15-jährige Schüler der Gesamtschule Faldera als Schülerlotse. Inzwischen empfindet er den Dienst weder als Strafe, noch als lästige Pflicht: „Es macht einfach Spaß, mit den Kleinen zu arbeiten“ hat Kevin erfahren. Dafür steht er einmal in der Woche auch mal einen Stunde früher auf, auch wenn ihm das „verdammt schwerfällt“, wie Kevin schmunzelnd einräumt.

Kevin ist einer von derzeit acht Schülern der Gesamtschule Faldera, die allmorgendlich als „Verkehrshelfer“, so die offizielle Bezeichnung, an der Ehndorfer Straße dafür sorgen, dass die Lütten aus der Grundschule sicher zur Schule kommen. In wechselnden Zweierteams stehen sie seit Januar Morgen für Morgen am Zebrastreifen und geleiten die Lütten über die Straße – bei jedem Wetter, versteht sich. Die Eltern sind dankbar, dass es diesen Dienst gibt, nicht wenige begleiten ihren Nachwuchs morgens bis zum Zebrastreifen, um sie persönlich der Obhut der Lotsen zu übergeben.

Das verpflichtet natürlich. Damit der Lotsendienst tatsächlich lückenlos läuft, hat Kevins Lostenkollege Jonathan Roß (15) einen genauen Lotsen-Wochenplan aufgestellt und strenge Lotsen-Regeln aufgestellt: Wer krank ist oder aus anderen Gründen ausfällt, sorgt entweder selbst für einen Ersatzmann aus einem anderen Team oder meldete sich bei Jonathan. Bislang hat es noch immer geklappt.

Sorgen bereiten den jungen Verkehrshelfern dagegen manche Autofahrer. Nicht alle wollen die Schülerlotsen akzeptieren, die in der Tat keine Sonderrechte im Verkehr haben, sondern nur an die Vernunft der Autofahrer appellieren können. „Gelotst“ wird deshalb erst, wenn die Autos sicher anhalten – was wiederum manchen Fahrer ärgert, der brav und zeitig vor dem Zebrastreifen hält: „Dem kommen wir dann viel zu langsam vor“, hat Lotse Kevin beobachtet.
Derzeit versucht Jonathan Roß weitere Verkehrshelfer an seiner Schule anzuwerben, um den Job auf mehr Schultern zu verteilen: „Im Idealfall kommt jedes Team nur einmal in der Woche dran“, hofft er. Warum bislang keine Schülerinnen im Lotsendienst mitmachen, kann auch er nicht erklären. Vielleicht liegt es auch an den nicht gerade modischen grellgelben Käppis und Westen, die für die Lotsen aber schon aus Versicherungsgründen Pflicht sind.

Auch eine Entlohnung kann der Lotsen-Manager den Bewerbern nicht bieten – sieht man einmal davon ab, dass sie sich ohne Konsequenzen zum Unterricht verspäten dürfen. Ein Vorzug gewinnt dagegen an Gewicht: Der Dienst als Schülerlotse macht sich in der Biografie der Schüler ausgesprochen gut. „Damit kann man zum Beispiel bei der Bewerbung ums Praktikum wirklich punkten“, lockt Jonathan, dem die Verkehrssicherheit seiner Mitschüler besonders am Herzen liegt. Seit acht Jahren hat der 15-Jährige den selben Berufswunsch: Polizist.

Jens Bluhm

Geschicklichkeitsturnier des ADAC

Die Suche nach Champions gibt jungen Radlern Sicherheit

Das Geschicklichkeitsturnier des ADAC ist bei Verkehrslehrern und Schülern gleichermaßen beliebt

Neumünster / 23. April 2010

Diese Schulstunde macht wirklich Spaß: Mit großem Eifer geht Dennis (10) an die Startlinie. Das schmale Spurbrett und den engen Kreisel meistert er mit seinem Fahrrad bravourös, aber beim Slalom durch die große Acht scheppert es. Mit der Pedale wirft er gleich eine ganze Reihe der Begrenzungsblöcke um. Gar nicht so einfach, dieser Geschicklichkeitsparcours! Nur gut, dass es einen zweiten Durchgang gibt…

So wie Dennis haben sich in Neumünster im Laufe der vergangenen 25 Jahre Tausende von Schülern zwischen 8 und 14 oder 15 Jahren an dem Geschicklichkeitstraining des Motorsportclubs im ADAC (MSC) versucht. Alle Jahre wieder fahndet der Verein nach den „Fahrrad-Champions“ der Stadt, die sich dann als Belohnung auf Landes- oder gar Bundesebene mit Champions aus anderen Regionen messen dürfen.

Geschickt appellieren die Macher an den sportlichen Ehrgeiz der Kinder, um sie – quasi im Vorbeifahren – im sicheren Umgang mit dem Fahrrad zu schulen. Denn nur wer sein Rad sicher beherrscht, kann sich auf der Straße tatsächlich auf den Verkehr konzentrieren. In dem Parcours wird daher in spielerischen Übungen trainiert, was auch im Radfahralltag ständig abgefragt wird: sicheres Halten der Spur, Spurwechsel, Geschwindigkeiten einschätzen, allzeitige Bremsbereitschaft.

Seit drei Jahren wird das Sicherheitstraining für junge Radler in Neumünster von Edwin Graupe (66) organisiert. Fünf Schulen wird er in diesem Jahr besuchen, um die Schüler gemeinsam mit fünf oder sechs Helfern über die Strecke zu schleusen. Für den pensionierten Kfz-Elektromeister, einst selbst begeisterter Rallyefahrer, ist das Engagement für die Verkehrssicherheit der Kinder eine Ehrensache: „Man muss für die Kinder mehr tun. In dem Parcours können die Jugendlichen spielerisch üben, was draußen auf der Straße ernst ist.“
Weil an den Schulen nur Zeit für zwei Durchgänge bleibt, will Graupe in diesem Sommer erstmals ein offenes Training anbieten. Auf dem Gelände der ehemaligen Hindenburg-Kaserne hat er ein geeignetes Areal ausfindig gemacht, auf dem interessierte Schüler ihre Geschicklichkeit auf dem Rad weiter verbessern können. „Vielleicht“, so Edwin Graupe, „können wir dann ja irgendwann sogar einen Bundes-Champion aus Neumünster vorstellen.“

Jens Bluhm

Der ADFC lädt zum „Genussradeln“ ein

Stets ein Blick für Gefahren

Der ADFC lädt zum „Genussradeln“ ein und prangert heikle Punkte für Radfahrer an
Neumünster

Neumünster / 22. April 2010

Normalerweise sind Radausflüge des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) freiwillig – schließlich sollen sie allen Beteiligten Spaß machen. Einmal im Jahr gibt es eine Ausnahme – dann nämlich, wenn der Verein zur Brennpunkttour bittet. Statt zur Fahrt ins Blaue lädt der Verein Polizei Verkehrs- und Stadtplaner zu Neumünsters gefährlichsten Kreuzungen oder ärgerlichsten Verkehrshindernissen ein.

Ob zugeparkter Radweg, abgefahrene Haltelinien oder gar eine falsch gepolte Ampel – die Radlerlobby hat auf ihrem Ausflug der besonderen Art schon so manche gefährliche Ecke im Verkehrsnetz der Stadt entschärft. Vielleicht liegt das auch daran, dass sich eine Kreuzung aus Radler-Perspektive eben etwas anders darstellt als aus Sicht der Autofahrer.

Carsten Pusch ist mit der Resonanz der Behörden auf die Brennpunkttour jedenfalls im Großen und Ganzen zufrieden. „Wir stellen ja auch keine Maximalforderungen“, sagt der pensionierte Pastor, der gerade als Vorsitzender des ADFC wiedergewählt worden ist. Meist seien die Wünsche oder Anregungen des Vereins mit wenig Aufwand von den Behörden zu erfüllen. Der Kontakt zur Stadtverwaltung sei entsprechend gut, auch wenn man nicht immer einer Meinung mit der Verkehrsaufsicht oder der Stadtplanung sei, sagt Pusch.

Die Wünsche und Anregungen, die der Verein zur Entschärfung der Brennpunkte den Behördenvertretern unterwegs vorschlägt, haben die Vereinsmitglieder im Laufe des Jahres auf ihren Radtouren gesammelt. Gelegenheiten, das Auffällige, Gefährliche oder nur Ärgerliche zu notieren, gab es genug: 29 500 Kilometer hat der Verein allein im vergangenen Jahr auf seinen Ausgflugstouren durch Neumünster und Umland zurückgelegt. Etwa 800 Radler – davon die Hälfte als Gäste – nutzten die Ausflugsangebote des ADFC. Den großen Zuspruch von Familien und Freizeitradlern führt Pusch vor allem auf das Selbstverständnis des Vereins zurück: „Wir sind kein Rennradverein, wir propagieren das Genussradeln.“

Das lässt offenbar auch Zeit, die eigene Rolle als Radfahrer stets neu zu überdenken. ADFC-Chef Pusch schimpft keineswegs nur auf Autofahrer, wenn er an die Verkehrssicherheit denkt. „Wir sollten uns häufiger die Frage stellen, wie wir uns im Verkehr verhalten und wie wir dabei als Vorbild auf Kinder wirken.“

Übrigens: Die nächste Brennpunkttour startet am heutigen Donnerstag um 16 Uhr an der Zufahrt zum Karstadt-Parkplatz auf dem Großflecken. Gäste sind willkommen.

Jens Bluhm

Aktionstag auf dem Großflecken stärkt Radfahrern den Rücken

Mehr Sicherheit für Radler

Aktionstag auf dem Großflecken stärkt Radfahrern den Rücken / Lokales Bündnis zeichnet „Verkehrswächter“ aus

Neumünster / 21. April 2010

Neumünsters Radlerlobby bekommt kräftig Rückenwind: Unter dem Motto „Fahr Rad – aber sicher!“ will das lokale Bündnis für Familien für junge und ältere Radfahrer in der Stadt eine Lanze brechen. Ein Aktionstag auf dem Großflecken am 24. April soll für mehr Sicherheit im Straßenverkehr und mehr Rücksicht gegenüber Radlern werben.

Hintergrund der ganztägigen Aktion: Noch immer sind Zweiradfahrer im Straßenverkehr besonders unfallgefährdet. Kommt es zu Zusammenstößen, ist die Verletzungsgefahr für die Radfahrer besonders groß. Besonders junge, noch unerfahrene Radler sind gefährdet. Das lokale Bündnis für Familien möchte auf die besonderen Gefährdungen für Radfahrer aufmerksam machen und will Verkehrsteilnehmer – auch die Radler selbst – noch mehr sensibilisieren, um zum Beispiel Schulwege sicherer zu machen. Dabei geht es auch darum, die Radler selbst zu einem sicheren Verhalten im Verkehr anzuhalten – ohne gleich mit dem erhobenen Zeigefinger zu drohen.

Fast alle großen Verkehrsverbände haben ihre Teilnahme an dem Aktionstag zugesagt. Polizei, Verkehrswacht, ADAC und ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrradclub) stellen sich vor und laden zu Mitmachaktionen, etwa Geschicklichkeitsfahrten oder Reaktionstests, ein. So soll es unter anderem einen Fahrrad-Traningsparcours und einen Workshop für BMX-Fans geben. Mehrere Fahrradhändler stellen Sonder- oder Spezialräder aus, laden zu Testfahrten ein oder geben Tipps zur Pflege. Sportvereine stellen ihr Zweiradprogramm vor. Wer möchte, kann sein Rad codieren lassen, um Diebe abzuschrecken.

Als besondere Attraktion haben die Organisatoren Profiradler der Hamburger BMX-Agentur „Infaction“ verpflichtet, die auf einer speziellen Bahn auf dem Großflecken spektakuläre Kunststücke auf ihren BMX-Rädern vorführen werden.

Eingebettet in den Aktionstag ist die Ehrung von Verbänden und Aktiven, die sich in den vergangenen Jahren besonders für die Verkehrssicherheit engagiert haben. Neben Polizei, Motorsportclub und Kreisverkehrswacht, die regelmäßig Fahrrad- und Radfahrprüfungen für Kinder und Jugendliche organisieren, sollen dabei auch Schülerlotsen für ihre ehrenamtliche Schützenhilfe für jüngere Schüler gewürdigt werden. Der Aktionstag läuft von 10 bis 14 Uhr auf der Nordseite des Großfleckens.

Jens Bluhm

6. August 2009 | 04:30 Uhr | Von Jens Bluhm

Engagierte Eltern machen die Kita Ruthenberg zum Familienzentrum. – Zehnte und letzte Folge unserer Serie über Elterninitiativen.

Angefangen hat alles mit der Neugestaltung des Kita-Gartens vor drei Jahren. Deutsche, russische, türkische und albanische Eltern rückten mit Spaten und Schaufel an, um den Garten der Kita Rasselbande in Eigenregie in ein kleines Natur- und Spielparadies zu verwandeln.



Die überraschend große Resonanz auf den Aufruf zur gemeinsamen Gartenaktion machte Mut: Engagierte Kita-Eltern packten die Gelegenheit beim Schopfe und luden fortan zu einem Kaffee: Väter und Mütter, die ihre Kinder morgens zur Kita bringen, konnten sich ab sofort im Gemeindehaus nebenan bei einer Tasse Kaffee noch ein paar Minuten austauschen. Schließlich, so die Idee, gebe es unter Eltern ja immer etwas zu besprechen.



Über Wochen saß Silke Ihloff (38) fortan jeden Morgen ab 8 Uhr neben der Kaffeemaschine im Gemeinderaum – und wartete auf die ersten Besucher. Ihre Beharrlichkeit sollte sich auszahlen: Irgendwann setzte sich die Idee durch, immer mehr Eltern trauten sich zum kleinen Plausch an den Kaffeetisch. Heute ist das “Bring-Café” nicht nur wichtige Kontaktbörse, Kummerkasten für kleinere Kita- oder auch größere Familienprobleme, sondern auch Ideenschmiede, die das Familienzentrum “Kita Plus Ruthenberg” mit Leben erfüllt. Den ersten Volltreffer landete das Café im März: 15 Helfer aus der Eltern- und Großelternschaft organisierten die erste Kinderkleiderbörse in Ruthenberg seit Jahren. Hunderte von Baby- und Kindersachen, Spielzeug, Bettchen, Kinderkarren und Dreirädern fanden neue Besitzer. Ein Ponyreiten auf einer Wiese neben der Kita machte den Markt zum Familienfest. Angestachelt von dem Erfolg organisierten die Eltern inzwischen eine Folgeveranstaltung, luden zur Bastelaktion und entwickeln derzeit eine eigene Internet-Seite, um kleinere Veranstaltungen und Treffen allzeit publik zu machen. 



Jüngstes Kind der Elterninitiative ist die von der Kita Haartallee übernommene Idee einer eigenen Kindergartenbücherei. Erstmals nach den Osterferien durften sich die Kita-Kinder aus rund 100 Bilder- und Vorlesebüchern etwas aussuchen. Inzwischen umfasst die aus Spenden, Lagerbeständen und Ebay-Auktionen gespeiste Bibliothek einen Bestand von mehr als 300 Büchern. Jeden Freitagmorgen baut Katja Meyer (28) die Bücherreihen im Gemeindesaal auf. Dann kommen die Kinder und geben sich gegenseitig Tipps: “Das ist klasse, das hatte ich schon!” Eine Woche dürfen die Kinder die selbst ausgesuchten Bücher behalten; wer sein Buch beim nächsten Tauschtag vergisst, muss aussetzen. “Das hat auch schon Tränen gegeben”, räumt Katja Meyer ein. Aber gewisse Spielregeln müssen sein, sonst läuft der Laden nicht.



Inzwischen wird die Mutter dreier Kinder im Stadtteil auch von fremden Kindern als “Die Frau mit den Büchern” auf der Straße erkannt. Dann weiß Katja Meyer: “Der Einsatz lohnt sich!”

5. August 2009 | 04:30 Uhr | Von Jens Bluhm

Jörg Gundelach (40) ist einer der Motoren, die das Familienzentrum Kita Einfeld am Laufen halten. – Teil IX unserer Serie über Elterninitiativen.

Jede noch so gut gemeinte Sozialinitiative kann nur so erfolgreich sein, wie sie von engagierten Menschen getragen wird. Das Familienzentrum Kita Einfeld – eines von vier Familien stützenden Modellvorhaben in der Stadt – kann auf einen guten Pool einsatzbereiter Eltern und Mitbürger zurückgreifen.



Auch dank einer Krise: Als es vor ein paar Jahren im Stadtteil Ärger mit Jugendlichen gab, die aus purer Langeweile randalierten, gründete sich ein runder Tisch. Kirche, Jugendfreizeitheim, Sportverein, Polizei und viele andere wollten gegensteuern. Geblieben ist eine Art Initiativkreis , der das Familienzentrum auch heute noch mit Ideen und Anregungen unterstützt.



Auf diese Weise entstand etwa auch die “Montagsbratwurst”: An jedem 1. und 3. Montag von 11.30 bis 13 Uhr (mitunter auch von 17 bis 18.30 Uhr) werden vor der Kita Bollbrück Tische, Bänke und Grill aufgebaut. Bei Grillwurst zum Selbstkostenpreis von 50 Cent und kostenlosen Kaffee oder Selter können sich Eltern mit Eltern oder Kita-Mitarbeitern, Anliegern, und Nachbarn austauschen oder neue Ideen und Initiativen aushecken. Auch Polizei und der Soziale Dienst der Stadt zeigen Präsenz und ein offenes Ohr für die Sorgen der Besucher. Längst ist der Montagsgrillstand zu einem festen Treffpunkt im Stadtteil geworden, dessen Themen weit über die Grenzen der Kita hinausreichen. 



Auch dieser Treffpunkt würde ohne engagierte Helfer im Hintergrund nicht funktionieren. Einer derjenigen, die auch im wörtlichen Sinne dafür sorgen, dass die Wurst nicht kalt wird, ist Jörg Gundelach. Der Ur-Einfelder gilt als die helfende Hand im Familienzentrum schlechthin. Der 40-jährige Familienvater, bedient nicht nur den Montagsgrill, sondern schnippelt auch die gewachsenen Tipis der Kita auf Form, hilft bei der Instandhaltung des Spielplatzes, baut das Festzelt notfalls auch im Regen auf und ist sich auch zum Abspülen nicht zu schade, wenn die Kaffeetassen beim Spielfest plötzlich knapp werden. Kurzum: Gundelach ist einer der treibenden Motoren im Hintergrund ohne den vieles im Familienzentrum nicht oder jedenfalls nicht so rund laufen würde, lobt nicht nur die Kitaleitung.



Gundelach selbst macht von seinem rührigen Einsatz weniger Aufhebens. Der Vater einer zehnjährigen Tochter und eines sechsjährigen Sohnes ist in Einfeld aufgewachsen und war bereits als Jugendlicher in der Kirchenjugend oder im Jugendzentrum aktiv. Sich zu engagieren liege wohl auch in der Familie, sagt der Einfelder. Seine Mutter arbeitet bei der Awo, sein Bruder hilft bei der Neumünsteraner Tafel aus. Und wenn er selbst Unterstützung braucht, springt auch seine Lebenspartnerin noch mit ein. “Der Umgang mit Menschen macht uns einfach Spaß”, gesteht Gundelach, “man bekommt viel zurück”. Anerkennung bringt es auf jeden Fall: “Jörg, den kennt man einfach im Stadtteil”, sagt eine Besucherin am Grillstand und bestellt noch eine Montagsbratwurst.

4. August 2009 | Von J. Bluhm

In Neumünsters Kitas sind sie längst eine feste Institution. Die 35 Ehrenamtlichen von “Neumünsters Leselust” (Nele) entführen Kinder in die Welt der Fantasie. – Teil VIII unserer Serie über Elterninitiativen.

Warum sollen Kinder Bücher lesen? – Ruth Wernerschaut, als verstünde sie die Frage nicht recht. Fürdie 83-jährige pensionierte Lehrerin ist das Buch an sichein Kulturschatz erster Güte: Lesen fördert dieemotionale,geistige und sprachliche Entwicklung von Kindern. Es beflügelt die Fantasieund ist überhauptder Schlüssel zum Lernen undVerstehen. “Kinder müssen an Bücher herangeführt werden!”

Seit drei Jahren leistet die ehemalige Lehrerin dazu (wieder) einen aktiven Beitrag. Diesmal schon bei Vorschulkindern. Zweimal in der Woche ist die rüstige Pensionärin die “Lese-Oma”, schlägt in der Kita das Kinderbuch auf und hat meist bereits nach den ersten Sätzen die Kinderaugen an ihren Lippen kleben. Das kann dem hehren Ziel, bei den Kindern den Appetit auf Bücher zu wecken, natürlich nur förderlich sein und macht nebenbei auch noch höllisch Spaß: “Ein bisschen Theaterspielen ist natürlich immer dabei”, sagt die Lehrerin, die es mittlerweile als Auszeichnung empfindet, wenn die Kinder sie schon an der Kita-Tür als “unsere Lese-Oma ” empfangen.

Ruth Werner ist eine von derzeit 35 Vorlesern der “Neumünsteraner Leselust” (Nele), einem Gemeinschaftsprojekt der Diakonie Altholstein und der Stadtbücherei. Die Idee zu Nele entstand bereits vor mehreren Jahren. Am Rande eines Vorlesewettbewerbs beklagten sich gleich mehrere Kindergärtnerinnen bei Nele-Erfinderin Christel Bendfeldt, dass sie in den Kindergruppen kaum noch zum Vorlesen kommen.

Bendfeldt bat die Teilnehmer des Wettbewerbs prompt um Unterstützung und rannte damit offene Türen ein. Inzwischen lesen 29 Frauen und sechs Männer regelmäßig in 25 Kindertagesstätten und Schulen vor – meist vor Kindern zwischen drei und sechs Jahren.

Für den richtigen Lesestoff sorgt die Stadtbücherei, in deren Fundus sich die Nele-Aktivisten kostenlos bedienen dürfen. Dennoch ist Nele auf Spenden angewiesen, etwa um Fahrtkosten zu ersetzen oder den Aktivisten auch mal eine Schauspielstunde zu spendieren, die das Hörvergnügen bei den Kindern noch deutlich erhöht.

2008 ist Nele mit dem Ehrenamtspreis der Stadt ausgezeichnet worden. Seit Anfang dieses Jahres gibt es erstmals auch Vorlesestunden für Erwachsene. Nele-Mitarbeiter Horst Bülck (80) hat damit bereits erste Erfahrungen gesammelt. Seit einiger Zeit liest er in einer Wittorfer Tagespflegeeinrichtung vor. Oft kommt nach den Döntjes und Geschichten von früher mit den Senioren ein lebhaftes Gespräch in Gang. “Dann merk’ ich, dass sie mir auch zugehört haben”, freut sich der frühere Sonderschullehrer.

3. August 2009 | 04:30 Uhr | Von Jens Bluhm

Wenn die Eltern Krieg führen, sind die Kinder meist die Verlierer. Zehn Ehrenamtler des Kinderschutzbundes stehen ihnen bei. – Teil VII unserer Serie über Elterninitiativen.

Seit der Scheidung herrscht zwischen den Eltern des dreijährigen Kim (Name geändert) Funkstille. Die Verletzungen des Scheidungskrieges waren so einschneidend, dass Mama Papa nicht mehr die Hand geben mag – im Leben nicht! Und das Kind bekommt er auch nicht mehr zu sehen! Der Groll von Kims Mutter mag berechtigt sein, ihrem Sohn tut sie mit ihrer starren Haltung keinen Gefallen…

Ein klassischer Fall für die Ehrenamtler des “begleiteten Umgangs” .

Hinter dem etwas sperrigen Namen verbirgt sich eine Initiative des Kinderschutzbundes, die Kindern und Jugendlichen nach der Trennung ihrer Eltern zu ihrem Recht verhelfen will – und das mit viel Gespür und Beharrungsvermögen oft auch schafft. 



Seit 1998 haben Trennungskinder einen gesetzlich verbrieften Anspruch auf den Umgang mit jedem Elternteil. Sprich: Mütter oder Väter müssen ihren Kindern ermöglichen, mit dem jeweils anderen Elternteil in Kontakt zu kommen, solange es dem Kindeswohl nicht widerspricht.



Statt auf harte Paragrafen setzten die ehrenamtlichen Helfer des Projekts allerdings lieber auf die Einsicht der Betroffenen, wenn sie sie Elternteile auf Initiative von Gericht oder Sozialbehörde zum ersten Gespräch bitten. “Viele sind alles andere als begeistert, wenn sie erfahren, dass ihr Kind ihren Ex treffen soll”, berichtet Jürgen Peters (62) aus acht Jahren ehrenamtlicher Vermittlerarbeit. “Wir versuchen dann den Betroffenen klar zu machen, dass das dem Kind gut tut. Sie sollen nicht dem Ex-Partner, sondern ihrem Kind einen Gefallen tun.”



Das einzusehen, fällt nicht allen leicht: An der Brachenfelder Straße hat der Kinderschutzbund Spielzimmer eingerichtet, um Kind und Elternteil ein Treffen zu ermöglichen – sozusagen auf neutralem Boden. Dennoch kommen beide Eltern nicht selten durch verschiedene Türen ins Haus, um sich nur ja nicht begegnen zu müssen.



Um dem Kind unter solchen Vorzeichen das Wiedersehen mit Papa oder Mama nicht von vornherein zu vermiesen, bestehen die Helfer auf Einhaltung gewisser Spielregeln: Dazu gehört etwa, dass sich die Eltern vor dem Kind nicht gegenseitig schlecht machen oder sich mit übertriebenen Geschenken die Gunst der Kinder erkaufen und natürlich, dass Absprachen und Termine auch exakt eingehalten werden. 

Die schwierigste Aufgabe bestehe jedoch darin, die Eltern überhaupt zu einem ersten Treffen zu bewegen, sagt Angelika Eilers-Bartz, die vor drei Jahren über eine Courieranzeige zu der Gruppe gestoßen ist. Sei diese Hürde genommen, stünden die Chancen nicht schlecht, “dass wir dem Kind gemeinsam etwas Gutes tun können. Das ist dann ein gutes Gefühl.”



Wie etwa im Fall Kim, der mittlerweile regelmäßig in der Wohnung der Oma von seinem Vater Besuch erhält.

In der Gruppe “begleiteter Umgang” betreuen derzeit zehn ehrenamtliche Helfer 20 Fälle. Es werden noch Mitarbeiter gesucht. Besondere Qualifikationen müssen die Ehrenamtlichen nicht mitbringen, die Helfer werden ausführlich geschult: “Wir suchen gestandene Leute, die sich fürs Kindeswohl einsetzen und auch mal raue See aushalten”, sagt Koordinatorin Cordula Stolzenhain.

1. August 2009 | Von Jens Bluhm

Wer Kinder einkleidet, muss tief ins Porte- monnaie greifen – es sei denn, er nutzt das kleine Kaufhaus des Kinderschutzbundes. – Teil VI unserer Serie über Elterninitiativen.

“Kinderkleiderkammer” nennt sich die Einrichtung an der Gasstraße eher nüchtern verschämt, dabei ist es eigentlich ein kleines Kaufhaus für Kinderbedarf: Seit 25 Jahren sammeln ehrenamtliche Mitarbeiter des Kinderschutzbundes Baby- und Kindersachen aus zweiter Hand und geben die aufgearbeiteten und gereinigten Sachen zu symbolischen Preisen an bedürftige Familien ab. Wer einmal seine Hemmschwelle überwunden und an den freundlichen “Verkäuferinnen” vorbei den Weg in den ehemaligen Tanzsaal der Wappenklause gefunden hat, kommt meist wieder: Das Angebot an Spielsachen, Kleidchen, Sweatshirts, Blusen, Pullovern, Jeans, Jacken, Taschen, Schlafanzügen oder Regencapes für jedes Baby- und Kindesalter ist erstaunlich breit gefächert: “Eigentlich verkaufen wir alles, von der Nuckelflasche bis zur Jeans für den anspruchsvollen Teenager”, erzählt Annegret Kreutzfeldt. Nur bei den ganz hochmodischen Marken dünnt sich der Bestand in den wandhohen Regalen immer wieder schnell aus. “Da könnten wir noch mehr gebrauchen!”, sagt die Einzelhandelskauffrau, die vor zehn Jahren beim Kinderschutzbund anheuerte.

Aufgefüllt werden die Regale vor allem durch Spenden von Familien, deren Nachwuchs aus den Kindersachen herausgewachsen ist. Abgegeben wird in der Hoffnung, dass die Sachen ja noch irgendwie gebraucht werden können: Zu schade zum Wegschmeißen eben.



Die derzeit 15 Helferinnen der Kinderkleiderkammer greifen gerne zu, obwohl es mitunter auch Enttäuschungen gibt: Etwa die Hälfte der abgegebenen Sachen seien nicht mehr zu gebrauchen, stellt Leiterin Inge Sierck nüchtern fest, und Kollegin Ursula Krönke ergänzt: “Auch Kinder aus Hartz-IV-Familien spielen nicht gern mit einem Teddy, der keine Arme mehr hat!”



Am erfolgreichen Prinzip der Spielzeug- und Kleiderrotation ändert das jedoch nichts: Über 15 000 Kleidungsstücke, Spielsachen, Schulranzen, Bücher, Kinderbetten oder Babyausstattungen wurden allein im vergangenen Jahr an bedürftige Eltern ausgegeben. Rund 500 Familien aus dem Raum Neumünster mit gut 700 Kindern profitierten. Meist sind es kinderreiche Familien. Gut zwei Drittel der Kunden sind Ausländer, allerdings nimmt die Zahl deutscher Familien in jüngerer Zeit wieder deutlich zu. Die Preise sind verlockend: Wo sonst lässt sich ein T-Shirt für 10 Cent, ein Pullover für 50 Cent erstehen?



Dass nicht mehr Kunden die Kinderkleiderkammer aufsuchen, führen die ehrenamtlichen Mitarbeiter vor allem auf den Umstand zurück, dass sich offenbar noch immer viele Bedürftige schämen, ihre Geldnot zu offenbaren. Dabei wird in der Kinderkleiderkammer keineswegs nach Sozialnachweisen gefragt. “Hier wird auf niemanden herabgesehen, weil er hier einkaufen geht”, versichern die Mitarbeiter des Kinderschutzbundes. Ihre Kunden scheinen ihnen Recht zu geben, die meisten kommen schon seit Jahren immer wieder.

31. Juli 2009 | Von / bl

Gute Idee: Eine Hilfsbörse soll Eltern der Kita Gartenstadt den Alltag erleichtern. – Teil V unserer Serie über Elterninitiativen.

Wer Kinder hat, muss den Tag gut durchplanen, sonst dauert es nicht lange, bis es Terminsalat gibt! Auch Stephanie Luppold (36) kann ein Lied davon singen. Ihre drei Kinder Ella (5), Bendix (4) und Morgan (2) haben zwar noch keinen eigenen Terminkalender, aber schon ein gutes Wochenprogramm: Kindergarten, Spielgruppe, Miniclub oder Kirchenjugend, mehrmals täglich ist die Mutter unterwegs, um ihre Kinder irgendwo hinzubringen oder wieder einzusammeln. Und natürlich mag sie ihre anderen Kinder in dieser Zeit nicht unbeaufsichtigt lassen. Das unter einen Hut zu bekommen, ist nicht immer ganz einfach.

Als Einzelkämpferin schon gar nicht. Stephanie Luppold streckte daher die Fühler aus und suchte eine Mitstreiterin, um das tägliche Gewusel zu glätten. Gefunden hat sie diese in Michelle Fehrs (34). Sie wohnt in der Gartenstadt nur zwei Gärten weiter, hat wie Stephanie Luppold einen beruflich stark eingespannten Mann, zwei Kinder – Philine (5) und Joshua (2) – und fragte sich ebenfalls bereits seit Längerem, warum eigentlich jede Mutter mit ihrem Kind den selben Weg zur Kita gehen muss. 



Die beiden Frauen haben inzwischen entdeckt, dass sich eine ganze Menge doppelter Weg und viel Zeit einsparen lässt, wenn man sich Hinbring-, Abhol- und Aufpass-Aufgaben clever aufteilt. Es entstand eine Nachbarschaftshilfe, von der nicht nur die Mütter, sondern auch die Kinder profitieren, die neue Freundschaften geschlossen haben.



Jetzt wollen die beiden Mütter einen Schritt weiter gehen: In der Kita Gartenstadt haben sie einen Aushang ans Schwarze Brett geheftet. Dort können sich ab sofort Mütter oder Väter eintragen, die entweder Abhol- und Aufpasshelfer suchen oder solche Dienste auch anbieten. “Jeder kommt einmal in die Verlegenheit, sein Kind nicht abholen zu können, zum Beispiel weil er zum Zahnarzt muss oder die Oma krank geworden ist”, sagt Stephanie Luppold. “Viele trauen sich nur nicht, andere Eltern um Hilfsdienste zu fragen.”



“Mütter die ähnlich ticken, könnten vielmehr absprechen”, ist auch Michelle Fehrs überzeugt. “Auch nur jemanden zu kennen, der im Notfall einspringen kann, ist unheimlich beruhigend!” 



Kita-Leiterin Petra Römling-Irek hält die Initiative für eine tolle Idee, auch weil das den Zusammenhalt der Eltern stärken und sowohl Alleinerziehenden als auch Einzelkindern nützen könnte: Natürlich habe es immer schon Eltern gegeben, die sich kennen und absprechen. Aber warum das nicht ausweiten, damit möglichst viele Eltern profitieren, fragt die Kita-Chefin. Damit die gegenseitige Hilfe auch bei verantwortungsvolleren Aufgaben klappt, bietet sie sich als Vermittlerin an, die die Eltern zusammenführt.



Gespannt verfolgt das Trio jetzt, wie die Eltern im neuen Kita-Jahr ab August auf das Angebot der Dienstleistungsbörse reagieren. Immerhin drei Eltern haben sich bereits gemeldet.

30. Juli 2009 | Von J. Bluhm

Ganze 55 Cent kostet das günstigste Frühstück an der Milchbar der Rudolf-Tonner-Schule. Notfalls gibt’s das Paket auch kostenlos. – Teil IV unserer Serie über Eltern-Initiativen.
Wirksame Hilfe muss nicht immer aufwendig sein. Als Eltern der Rudolf-Tonner-Schule vor drei Jahren entdeckten, dass es auch an ihrer Schule Kinder gab, die ohne Frühstück zur Schule kamen, stand ihr Entschluss schnell fest: Das wollen wir ändern!



Inzwischen ist die Milchbar auf dem Schulhof an der Preußerstraße eine feste Einrichtung. Fünf Mal in der Woche, täglich in der großen Pause von 9.50 Uhr bis 10.10 Uhr, ist die Bar geöffnet. Dann stehen die Pennäler von der ersten bis zur vierten Klasse vor der kleinen Fensterluke des früheren Hausmeisterbüros brav in der Schlange. Das Angebot ist nicht üppig, aber beliebt. Das Milchbrötchen kostet 30 Cent , die Milchtüte 25, der Apfel- oder Orangensaft 30 Cent.

Günstiger lässt sich in der Pause kaum frühstücken. Und wer auch das nicht zahlen kann, darf sich das Frühstückspaket sogar kostenlos abholen. Obst- und Gemüsestückchen sind ohnehin kostenlos. Sie werden vom wechselnden Frühstücksdienst in Eigenregie der Kinder unter den Schülern verteilt.



Die Eltern sehen ihr Ziel erreicht: Kein Kind muss mehr mit knurrendem Magen im Unterricht sitzen – oder darauf hoffen, dass der Lehrer ihm vielleicht was zusteckt. Auch das hat es an der Schule schon gegeben.



Die Eltern haben es genau durchgerechnet: Die Preise für Brötchen und Säfte – geschickt mit Mengenrabatt eingekauft – reichen für ein wöchentliches Plus von 15 bis 20 Euro in der Milchbarkasse. Davon lässt sich eine Runde Obst und Gemüse für alle finanzieren. Und sollte es doch einmal eng werden, vertrauen die Milchbar-Betreiber auf ihre Spender. Unter Tungendorfer Gartenbesitzern hat sich die ehrenamtliche Frühstückshilfe inzwischen herumgesprochen: “Im Spätsommer bekommen wir Äpfel oft gleich kistenweise zugeschoben”, freut sich Margitta Ott (46) über die Nachbarschaftshilfe. Seit der Einschulung ihrer Tochter vor drei Jahren arbeitet sie im Milchbar-Team mit. Im Schnitt zwei Stunden in der Woche kostet sie ihr Engagement. Derzeit neun Helfer, überwiegend Mütter, aber auch ein Vater und eine Großmutter teilen sich die Arbeit, in erster Linie den Thekendienst und den Einkauf. 



“Aber es macht auch Spaß”, versichert Margitta Ott: “Wenn ich montags hinter dem Verkaufstresen stehe, erzählen mir die Kinder erstmal, was sie am Wochenende erlebt haben.”

Dass auf dem Schulhof keine halb leere Milchtüte herumliegt und keine angekaute Karotte in den Papierkorb fliegt, ist indes auch ein Verdienst der Lehrerschaft. In der Klasse wird mit den Schülern gemeinsam gefrühstückt, das gesunde Frühstück steht auf dem Stundenplan.



Margitta Ott glaubt dennoch, dass die Tonner-Schule durchaus kein Ausnahmefall ist: So etwas wie die Milchbar lasse sich auch an anderen Schulen mit relativ wenig Aufwand aufziehen. Notwendig seien nur sechs oder sieben Mütter oder Väter, die sich engagieren – “dann klappt’s!”

29. Juli 2009 | Von J. Bluhm

Eltern sein ist manchmal ganz schön schwer. Wer im Umgang mit seinem Kind nicht mehr weiter weiß, findet Rat am Elterntelefon. – Teil III unserer Serie über Elterninitiativen.

Eins stellt Jutta Kersten (60, Name geändert) gleich von vornherein klar: “Wir haben keine Patentrezepte zur Kindererziehung.” Helfen können sie und ihre gut 20 Kolleginnen vom Elterntelefon Neumünster in vielen Fällen trotzdem. “Oft lassen wir die Anrufer einfach erzählen, manchmal findet sich die passende Lösung dann von ganz allein.” Das, so die gelernte Erzieherin und Lehrerin, sei natürlich der beste Ansatz, schließlich müssen die Betroffenen das Problem ja letztlich selbst lösen. 



Bei Jutta Kersten und ihren Kolleginnen vom Elterntelefon melden sich Väter oder Mütter, die sich überfordert fühlen, überfordert mit ihren Kindern oder den Ansprüchen Dritter an ihre Erziehung. Wer aber verunsichert und ängstlich ist, ob er im Umgang mit seinen Kindern (noch) alles richtig macht, macht tatsächlich leicht Fehler. Das Elterntelefon will helfen, Fehler zu vermeiden, rechtzeitig Konflikte zwischen Eltern und Kindern zu entschärfen, bevor es etwa zu Überreaktionen kommt oder die Situation in der Familie eskaliert.

Die Palette der Fragen verunsicherter Eltern ist dabei so breit und unüberschaubar wie das Leben selbst: Warum macht mein Kind in der Schule den Kasper? Soll ich nachgeben, wenn mein Sohn nur noch Markenklamotten anziehen will? Ab wann soll ich meiner Tochter die Pille empfehlen? Unser Sohn beschimpft uns, weil wir ihm das PC-Spielen in der Nacht verboten haben. Was sollen wir tun? 


Konkrete Antworten darauf gibt es am Elterntelefon nicht, sie könnten auch kaum allen Einzelfällen gerecht werden. “Wir kennen die Familie ja nicht”, sagt Jutta Kersten. Sie versucht stattdessen, mit dem Anrufer eine Lösung zu erarbeiten, etwa mit der vorsichtigen Gegenfrage, warum sich die Eltern die Pöbeleien von ihrem PC-begeisterten Sohn Gefallen lassen. Die Konsequenzen sollen die Betroffenen schon selber ziehen.

In überraschend vielen Fällen funktioniert das. Jutta Kersten schätzt, dass etwa drei von vier ernsthaften Gesprächen erfolgreich enden, die Anrufer sich zum Schluss des meist 20 bis 40 Minuten langen Gesprächs mindestens besser fühlen als am Anfang. Etwa die Hälfte der Anrufer sind Mütter, immerhin gut 30 Prozent Väter, den Rest der Gespräche bestreiten Oma, Opa oder andere Familienmitglieder. Alle Anrufe sind grundsätzlich anonym.



Im Schnitt vier Mal im Monat setzt sich Jutta Kersten für zwei Stunden ans Sorgentelefon. Auch nach über zehn Jahren macht der Lehrerin, selbst Mutter zwei erwachsener Kinder, die Arbeit am Elterntelefon noch Spaß, auch wenn die Probleme “manchmal unter die Haut gehen”, wie sie sagt. Das Ehrenamt ist für sie Ehrensache: Wir sind so erzogen worden. Jedermann sollte sich irgendwo ehrenamtlich engagieren.

Das Elterntelefon ist bundesweit unter der kostenlosen Rufnummer 0800/ 1 11 05 50 zu erreichen. Wer aus dem Festnetz anruft, wird mit dem Elterntelefon in Neumünster verbunden, wer das Handy nutzt, landet mitunter in einer anderen Zenrale. Derzeit arbeiten im Telefonteam des Kinderschutzbundes 18 Helfer mit. “Wir würden gerne noch ein paar Männer mit einspannen”, sagt Jutta Kersten. Kontakt über den Kinderschutzbund: Tel. 27 64.

28. Juli 2009 | Von J. Bluhm

Bücher öffnen Welten. In der Kita Haartallee wird der Appetit aufs Lesen schon bei den Jüngsten geweckt. – Teil II unserer Serie über Elterninitiativen.

Cem (2), Nejla (3) und ihre Freunde aus der Kitagruppe haben sich brav in einer Schlange aufgestellt: Mit großen Augen warten sie, bis sie an der Reihe sind. Dabei werden vorn am kleinen Tischchen weder Eis noch Lollis verteilt, stattdessen hakt Beryl Galle (39) dort auf einer Liste die Bücher ab, die die Kinder vor ihr auf den Tisch legen: “Biene Maja – das Wörterbuch. – Okay, der nächste bitte!” 



Den Kindern kann das kaum schnell genug gehen: Sie wissen: Nur wer das Buch aus der letzten Woche (möglichst heil) wieder zurückbringt, darf sich bei Frau Bern am Nebentisch ein neues ausleihen. Und auf den frischen Schmökerstoff für die nächsten sieben Tage will in der Kita Haart allee schon lange niemand mehr verzichten…

Einmal in der Woche öffnen Beryl Galle, Katja Bern (36) und Wiebke Wulf (39) im Wechsel mit derzeit sieben weiteren Kita-Müttern die Kinderbibliothek an der Haartallee. Rund 200 Hörkassetten, Bilderbücher und Kinderromane haben die Frauen im Bestand, das meiste aus privaten Spendern von Eltern, deren Kinder das Hasenbuch-Alter hinter sich gelassen haben.



Die Idee, den Kita-Kindern ihre Lieblingsbücher auch über mehrere Tage mit nach Hause zu geben und so deren Blätter- und Leselust erst richtig anzustacheln, wurde einst von den Erzieherinnen des Hauses ausgeheckt. Als die den Büchereibetrieb zeitlich nicht mehr schafften, sprangen die Eltern ein. 



Anfangs sei es nicht leicht gewesen, Freiwillige zu finden, sagt Katja Bern, Kita-Bibliothekarin der ersten Stunde. Nach und nach habe sich aber herumgesprochen, “dass das eine prima Sache ist, die von den Kindern angenommen wird”, sagt Katja Bern. Inzwischen wird der Bibliotheksbetrieb auf zehn Eltern verteilt, “da sind wir alle drei Wochen mal dran – das kann doch jeder verkraften.”



Beryl Galle macht der Bibliotheksdienst ohnehin ausnehmend Spaß: “Es ist ein gutes Gefühl, den Kindern Freude an Büchern zu vermitteln”, sagt sie. Und nicht nur nebenbei werden auch die Eltern animiert, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen: “Das Buch, das der Nachwuchs stolz nach Hause schleppt, muss natürlich auch vorgelesen werden!”, sagen die Bibliotheks-Mütter voller Freude. Die Kinder zu vertrösten, wird schwerer, wenn die auf die drohende Abgabefrist verweisen.



Dass Kinder beim Schmökern durchaus ihren eigenen Stil und Geschmack entwickeln, daran musste auch Katja Bern sich erst gewöhnen: Gleich mehrmals hintereinander lieh sich ihr Sohn Bennet (3) das über alles geliebte “Hasenbuch” in der Kita aus. Immer wieder musste Mama es vorlesen. “Ich kann es nicht mehr sehen!”, sagt Katja Bern – aber sie schmunzelt dabei.

27. Juli 2009 | Von J. Bluhm

Babys machen nicht nur Freude, sondern auch Arbeit. “Wellcome” hilft jungen Müttern im familiären Alltag. – Mit dem Porträt über “Wellcome” startet der Courier heute eine zehnteilige Serie über vorbildliche Elterninitiativen.

Wenn das Baby kommt, ist die Freude (hoffentlich) groß, ganz bestimmt aber Mamas Sorge, ob sie auch alles richtig macht: Warum schreit mein Baby jetzt? Darf ich schon wieder stillen oder verwöhn’ ich es dann etwa? – Oh, Gott, was man alles falsch machen kann!

Frauke Dietl (54) empfiehlt in solchen Fällen Ruhe als erste Mutter- oder Elternpflicht: Junge Mütter sollten sich mehr Bauch-Entscheidungen zutrauen, statt verunsichert zwischen unterschiedlichsten Expertenratschlägen hin- und herzupendeln. 



Frauke Dietl muss es wissen. Immerhin hat sie drei Kinder groß gezogen. Seit drei Jahren engagiert sich die Gadelanderin bei “Wellcome”, einer Initiative der Familienbildungsstätte. “Wellcome”, ein Mix aus dem englischen well (= gut) und welcome (= willkommen), hilft jungen Müttern, den Alltag in der ersten Babyphase zu wuppen.



Unterstützung gibt es mit Rat und Tat. Manche frischgekürte Mama erhofft eine helfende Hand, etwa wenn es darum geht, den älteren Bruder vom Kindergarten abzuholen, die Geschwister zu versorgen oder zu beschäftigen, damit Mama das neue Schwesterchen beim Arzt vorstellen kann. Andere Mütter erhoffen sich dagegen nur ein aufmunterndes Wort, ein paar Tipps oder auch eine klare Ansage, wie man dies oder das am besten löst, hat Frauke Dietl erfahren. 



Ihre “Kollegin” Rebecca Krawolitzki hat zuletzt eine junge Mutter von Zwillingen unterstützt, deren Tochter behindert zur Welt kam. Die Mutter brauchte eigentlich “nur” eine Freundin zum Zuhören, um sich ihre Sorgen von der Seele reden zu können. Rebecca Krawolitzki hörte offenbar gut zu. Bis heute hat die gelernte sozialpädagogische Assistentin den freundschaftlichen Draht zur Familie gehalten.



Dabei scheuen sich die “Wellcome”-Helferinnen durchaus nicht, auch einmal im Haushalt zuzupacken, wenn Not am Mann ist. Mehrlingsgeburten, eine bereits vorhandene Kinderschar zuhause, Komplikationen bei der Geburt oder Behinderungen des Babys lassen auch starke Frauen schnell an die Grenzen ihrer Kräfte kommen. 



Aber auch “einfache” Geburten können mitunter Unterstützung erforderlich machen: Dass junge Mütter sich nach der Geburt verunsichert fühlen, kann man bei “Wellcome” nur zu gut verstehen. Vielfach stehen die Frauen oder Eltern heute alleine da, weil Oma und Opa, die früher aus- oder weiterhalfen, heute nicht mehr im Haus sind oder in der anderen Stadt leben. Auch diesen Eltern will “Wellcome” eine erste Hilfe sein. Niemand, so eine Mitarbeiterin, müsse sich heute genieren, nach der Geburt eine Hilfe anzunehmen. 


Fünfzehn ehrenamtliche Helferinnen (und leider noch kein Helfer!) unterschiedlicher Generationen bieten heute bei “Wellcome” ihre Unterstützung an. Im vergangenen Jahr begleiteten sie etwa 20 junge Familien über die erste Babyzeit, in der Regel über sechs Monate. Für die Hilfe – die allerdings weder die Krankenschwester noch die Putzfrau ersetzt – zahlen die Betroffenen in der Regel 4 Euro die Stunde, plus 10 Euro einmalige Vermittlungsgebühr. In Härtefällen verzichtet “Wellcome” auf die Gebühren.



Eine erfahrene Koordinatorin sorgt dafür, dass Helferin und Mutter auch zusammenpassen. In der Regel gibt es vor dem ersten Einsatz ein Treffen zum gegenseitigen Beschnuppern. Familienhilfe ist schließlich Vertrauenssache.

Auf der Suche nach den engagierten Eltern

Lokales Bündnis sucht vorbildliche Initiativen
Sie sind dabei, eine Lesereihe im Kindergarten zu organisieren? Ihre Bekannte hat einen Gesprächskreis für Eltern mit hyperaktiven Kindern gegründet? Sie sind der Meinung, dass die integrative Theatergruppe an der Schule ihrer Tochter noch viel zu wenig bekannt ist?

Das meint die Stadt auch! Die Lenkungsgruppe des Lokalen Bündnisses für Familie sucht nach Vereinen, Verbänden, Gruppen oder lockeren Zusammenschlüssen von Eltern, die sich über ihre Elternrolle hinaus vorbildlich für die Entwicklung von Kindern engagieren.

Um das Engagement der Eltern zu stützen und die besten Ideen zur Nachahmung weiter zu empfehlen, plant das Bündnis, entsprechende Vorzeige-Initiativen noch vor der Sommerpause auf einem Eltern-Forum öffentlich vorzustellen.

Einzelpersonen, Gruppen, Vereine oder Verbände, die sich angesprochen fühlen und die Chance nutzen möchten, für ihr Projekt zu werben, können sich noch bis zum 17. April bei der Stadt melden. Nicht alle Initiativen mögen sich vielleicht selbst vorschlagen: Die Stadt greift daher auch Anregungen und Hinweise von Dritten gerne auf, die auf eine lobenswerte Initiative oder besonderes Engagement gestoßen sind. Vorschläge und Hinweise erbittet die Stadt an:

Fachdienst
Kinder und Jugend
Jörg Asmussen
Plöner Straße 2
2 45 34 Neumünster
oder via E-Mail an: joerg.asmussen@neumuenster.de

Aus den Einsendungen wird die Lenkungsgruppe des Bündnisses vorbildliche Initiativen auswählen, die der Holsteinische Courier vorstellen will.

Das Lokale Bündnis für Familien ist ein überparteilicher Zusammenschluss von Politik und Institutionen aus der Familien- und Jugendarbeit, der die Rolle der Familie in der Gesellschaft stärken will. Dabei soll ein familienfreundliches Klima geschaffen werden, das beispielsweise Arbeitgeber, Vermieter oder Behörden anregt, auf die speziellen Bedürfnisse von Familien Rücksicht zu nehmen. Als Familie definiert das Bündnis dabei nicht nur das klassische Familienbild von Mutter, Vater, Kind, sondern beispielsweise auch die alleinerziehende Mutter mit Kind.

Das Lokale Bündnis geht auf eine Initiative von Familienministerin Ursula von der Leyen zurück. Seit 2006 gibt es in Neumünster ein Lokales Bündnis. Eine Lenkungsgruppe unter der Leitung von Sozialdezernent Günter Humpe-Waßmuth koordiniert die Aktionen des Bündnisses.

Ein Forum für Vorbilder

Kommentar (von Jens Bluhm)

Zugegeben, das wissen wir nicht erst seit gestern: Ohne engagierte Eltern würden unsere Schulen noch schlimmer aussehen, würden noch mehr Jugendliche gelangweilt auf der Straße rumhängen, wären noch mehr Benachteiligte chancenlos.

Zum Glück gibt es sie, die Engagierten, die Mütter und Väter, die nicht nur meckern, sondern auch mal selbst zu Rolle und Farbeimer fassen, um den Klassenraum des Filius auf Vordermann zu bringen, die im Stadtteiltreff eine Schularbeiten-Hilfe für jedermann organisieren, die im Sportverein für die fundamental wichtige Erkenntnis unter Jugendlichen sorgen, dass man auch auf etwas anderes als die erste Zigarette oder Bänke umwerfen im Park stolz sein kann.

Seien wir froh, dass es sie gibt – und unterstützen wir deshalb die Initiative des „Lokalen Bündnisses für Familie“, die solche Aktivitäten mehr in den Blickpunkt rücken möchte. Denn leider arbeiten viele dieser Engagierten noch immer viel zu oft im Verborgenen, nur einem kleinen Kreis bekannt. Das ist schade. Denn wenn es gelänge, die Engagierten in einem Forum zusammenzubringen, in dem sie ihre Erfahrungen, austauschen, zur Mitarbeit, Unterstützung oder Nachahmung animieren könnten, wäre die Familienfreundlichkeit in der Stadt vielleicht schon wieder einen Schritt weiter.

Holsteinischer Courier vom 01. April 2009

Gesucht: Initiativen für Familien

Neumünster feilt weiter an seinem Ruf als familienfreundliche Stadt: Das lokale Bündnis für Familien sucht vorbildliche Eltern-Initiativen. Der Holsteinische Courier begleitet die Aktion.

Als die Mutter des kleinen Bastian ihren Sprössling am ersten Schultag begleitete, war sie entsetzt: Von den Wänden der Klasse bröckelte der Putz, die Vorhänge waren zerrissen. Ein paar Wochen schaute sie sich das Elend an, dann trommelte sie ein paar Mütter zusammen. In Eigeninitiative wurden neue Vorhänge genäht, die Klasse erhielt einen neuen Anstrich…

Ein anderes Beispiel: Die Mutter von Florian kann sich noch gut an den Tag erinnern, an dem ihr Sohn nicht nach Hause kam. Mit der Fünf in Mathe traute er sich nach der Schule nicht unter Vaters Augen. Erst nach langem Suchen fanden die Eltern den Jungen am Abend im Park. Um anderen Kindern und Müttern solche Ängste zu ersparen, engagiert sich Florians Mama seither beim Zeugnistelefon des Kinderschutzbundes…

Der Nachbar war genervt. Ausgerechnet zur Mittagsstunde kickten die Jungen von nebenan mit dem Fußball gegen die Außenwand des Blocks: plopp, plopp, plopp. Weil alles Schimpfen nichts nützte, überredete der Mann gemeinsam mit anderen genervten Nachbarn die Wohnungsgesellschaft, ein kleines Stück vom Rasen hinter der Wäscheleine als Bolzplatz freizugeben. In Eigenregie richteten die Nachbarn Tore auf. Statt zu schimpfen, kicken sie jetzt ab und zu mit…

Das waren drei Beispiele von Engagement für Kinder, das sich so oder ähnlich in Neumünster entwickelt hat. Ohne dieses Engagement, da sind sich die Fachleute einig, sähen unsere Schulen noch trauriger aus, würden vermutlich mehr Kinder aus dem Elternhaus weglaufen, wäre der Freiraum für sie in der Stadt noch geringer.

Es sind gute Gründe für das „Lokale Bündnis für Familie“, das Eltern-Engagement nach Kräften zu stützen und zu fördern. Um das Thema in die öffentliche Diskussion zu schieben, sucht das Bündnis vorbildliche Initiativen in der Stadt, die auf einem öffentlichen Forum noch vor der Sommerpause als nachahmenswert vorgestellt und gewürdigt werden sollen. Bewerben können sich Einzelpersonen ebenso wie Vereine oder Verbände, die ehrenamtliche Hilfe anbieten. Die Schülernachhilfe in Nachbarschaftshilfe ist ebenso willkommen wie die integrative Theatergruppe im Kindergarten. Nicht die Größe des Projektes zählt, sondern Originalität und Effektivität. Auch Dritte können Vorschläge einreichen.

Vorschläge erbittet das Bündnis an: Stadt Neumünster, Fachdienst Kinder und Jugend, z. Hd. Jörg Asmussen, Plöner Straße 2, oder E-Mail: joerg.asmussen@neumünster.de (bitte Absender für Rückfragen nicht vergessen!). Einsendeschluss ist der 17. April.

Aus den Einsendungen wird die Lenkungsgruppe des Bündnisses für Familien zehn vorbildliche Initiativen auswählen, die der Courier ab Mai laufend vorstellen wird.

Jens Bluhm
Holsteinischer Courier vom 11. März 2009

Damit Mami im OP die Ruhe bewahrt...

Das “Lokale Bündnis für Familien” erkundet Neumünsters familienfreundliche Betriebe. Der Courier stellt die Anstrengungen, familiengerechte Arbeitsbedingungen zu schaffen, in einer Serie vor. Heute: der Betriebskindergarten im FEK.

Kranke brauchen Ruhe – aber nicht nur. Patienten, die auf dem Gelände des Friedrich-Ebert-Krankenhauses spazieren gehen, können mit ein wenig Glück auch an fröhlichem Kinderlachen genesen. Mitten auf dem FEK- Gelände, in direkter Nachbarschaft zum Hauptgebäude, liegt der Kindergarten des Krankenhauses. Er ist der einzige Betriebskindergarten der Stadt.

Seit 28 Jahren “leistet” sich das Krankenhaus den Rundum-Betreuungsservice für seine kindererziehenden Mitarbeiter. In jüngster Zeit offenbar wieder mit steigender Bedeutung. Während an anderen Kliniken entsprechende Einrichtungen schon vor Jahren dem Rotstift zum Opfer fielen, will man in Neumünster an der Einrichtung festhalten. Die Bauarbeiten für den neuen, erweiterten FEK-Kindergarten, der mit dem Neubau der Klinik um die Ecke an den Haart umziehen wird, sind bereits in vollem Gange.

Bärbel Spiwäke, Personalreferentin im FEK, ist überzeugt, dass sich so viel Fürsorge für FEK-Mitarbeiter auch für das Unternehmen FEK lohnt: Das Angebot, kleine Kinder zur Betreunung quasi “zur Arbeit” mitbringen zu können, sei in Einstellungsgesprächen “ein starkes Argument”.

Vermutlich eins mit wachsender Bedeutung: Immer weniger Mütter wollen nach der Geburt die vollen drei Jahre zu Hause bleiben, sondern früher wieder ins Berufsleben einsteigen. Das klappt in der Regel nur, wenn sie entsprechende Betreuungsplätze finden. Mit dem Umzug an den Haart – voraussichtlich bis Mitte 2007 – will der FEK-Kindergarten daher erstmals auch eine Krippe für unter Dreijährige einrichten. Die zehn Plätze sind bereits ausgebucht. Auf der Bewerbungsliste stehen über 25 Namen, beschreibt Kiga-Chefin Jutta Schröder den Bedarf. Insgesamt betreuen sie und ihre acht Kolleginnen derzeit 93 Kinder zwischen drei und sechs Jahren. Sieben von zehn kleinen Gästen sind derzeit Kinder von FEK-Angestellten, die übrigen “Externe” aus der Stadt.

Was den Kindergarten auch für deren Eltern besonders interessant macht, sind die ungewöhnlich langen Öffnungszeiten: Betreut wird hier von 5.45 Uhr bis 17 Uhr, auch über die Sommerferien. Bei Bedarf machen die Betreuer sogar Überstunden bis in den Abend hinein: Keine Schwester soll im OP nervös auf die Uhr gucken müssen, weil ihr Nachwuchs draußen gerade vor die Kindergartentür geschoben werden könnte.

Jens Bluhm (Holsteinischer Courier v. 20.10.06)

Frauenpower in der Apotheke

Wie familienfreundlich sind Neumünsters Betriebe? Mit einer Umfrage spürt das „Lokale Bündnis für Familie“ dieser Frage nach. Der Courier stellt in lockerer Folge beispielhafte Unternehmen vor. Heute: die Nordmark-Apotheke.

Familie oder Beruf? Für Monika Tegetmeyer-Harbs war das schon damals keine Frage: beides natürlich. Als junge Frau mit speziellem Interesse für Naturwissenschaften entschied sie sich seinerzeit ganz bewusst für Apothekerin statt Ärztin als Berufsziel. In einer Praxis oder in einer Klinik, davon ist die 57-jährige Apothekerin heute fest überzeugt, hätte sie wohl weniger Freiheiten gehabt. „Apothekerin ist ein idealer Frauenberuf.“
Tegetmeyer-Harbs ging ihren Weg, wurde Mutter zweier Kinder und passte ihren Teilzeit-Job als angestellte Apothekerin den jeweiligen Bedürfnissen der Familie laufend an. Vor 15 Jahren kam sie dabei an die Nordmark-Apotheke, vor zehn Jahren – mittlerweile waren die beiden Töchter aus dem Gröbsten raus – übernahm sie den Betrieb am Hansaring.
Die guten Erfahrungen als Teilzeitkraft, das hat sie sich stets vorgenommen, will sie auch als Chefin mit ihren Angestellten teilen. Die wollen das offenbar auch: Alle vier festen Mitarbeiterinnen der Nordmark-Apotheke – eine Apothekerin, zwei pharmazeutisch-kaufmännische Assistentinnen (PKA) und eine pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA) – sind Teilzeitkräfte mit unterschiedlichem Stundensoll. Das eröffnet dem Apotheken-Team im Alltag ungeahnte Freiheiten bei der Arbeitszeitgestaltung, von der andere Unternehmen nur träumen können. Ob die Tochter morgens zum Flughafen chauffiert werden muss oder die Oma am Nachmittag zu Besuch kommt – in der Nordmark-Apotheke kann der Dienstplan notfalls auch kurzfristig angepasst werden. Weil alle gleichermaßen von der Freiheit profitieren, ist das Entgegenkommen der Kolleginnen eigentlich immer da, versichert Chefin Tegetmeyer-Harbs. Mittlerweile regeln ihre Mitarbeiter selbstständig ihren Dienstplan. Die Chefin ist fest davon überzeugt, dass das Teilzeit-Konzept nicht nur den Angestellten, sondern auch dem Unternehmen gut tut: „Ich habe frische Kräfte von der ersten bis zur letzten Minute“, beschreibt Tegetmeyer-Harbs die Vorzüge. „Und ich muss keine Bange haben, dass eine Kollegin nicht bei der Sache ist, weil sie gedanklich ihren kranken Sohn zu Hause versorgt.“
Jens Bluhm (Holsteinischer Courier v. 28.09.06)

Ein Vater in Elternurlaub

Das „Lokale Bündnis für Familie“ erkundet Neumünsters familienfreundliche Betriebe. Der Courier stellt solche Firmen in lockerer Folge vor. Heute: First Reisebüro am Gänsemarkt.

Dienstags und donnerstags erwarten Dirk Kempe gleich zwei strahlende Gesichter. Das eine gehört seinem Sohn Lukas. Der Einjährige freut sich morgens, wenn er nach dem Aufwachen seinen Papa sieht. Das andere gehört Ralph Godbersen. Der Geschäftsführer des First Reisebüros in der Courier-Passage ist mittags heilfroh, dass er seinen „besten Mann“ da hat – zumindest an zwei Nachmittagen pro Woche. Der Reiseverkehrskaufmann Kempe ist seit Februar im Elternurlaub.
„Für meine Frau und mich stand von Anfang an fest, dass ich unser Kind betreue“, erzählt der 35-Jährige aus Faldera. Ehefrau Doris (33) ist Lehrerin, verdient mehr als ihr Mann. Da auch das vor zwei Jahren neu gebaute Haus bezahlt werden muss, war die Aufgabenverteilung schnell ausgemacht. Er kümmert sich um Wohnung, Wäsche, Windeln, sie geht arbeiten.
Aus zwei Gründen wollte Dirk Kempe nicht ganz auf seinen Job verzichten. „Zum einen fühle ich mich besser, wenn auch ich etwas zum Lebensunterhalt der Familie beitrage.“ Das sind zurzeit 400 Euro pro Monat. Außerdem: „Wenn ich drei Jahre Auszeit genommen hätte, wäre ich in der schnelllebigen Reisebranche nicht mehr auf dem neusten Stand gewesen. Dann hätte mich hinterher niemand mehr eingestellt.“
So denkt auch sein Chef Ralph Godbersen. Der 37-Jährige, selbst Vater eines vierjährigen Sohnes, hat Verständnis für die familiären Belange seiner sechs Mitarbeiter. „Seit ich 1998 das Reisebüro übernommen habe, waren eigentlich fast ständig zwei Angestellte in Elternzeit.“ Godbersen entwickelte ein flexibles Arbeitszeitmodell. An den Nachmittagen, an denen sein einziger männlicher Mitarbeiter Kempe („Kunden verlangen ihn oft“) im Geschäft ist, bummeln die anderen Mitarbeiter Überstunden ab. Beide Seiten profitieren: „Ich habe Planungssicherheit und weiter einen motivierten, gut ausgebildeten Mitstreiter, der in den acht Stunden pro Woche viel wegschafft und später schnell wieder voll einsteigen kann“, sagt Godbersen. Kempe ergänzt: „Ich bleibe auf der Höhe der Zeit, kann an Schulungen teilnehmen.“ Wenn Lukas mal krank ist, „komme ich in Absprache mit meiner Frau an einem anderen Tag.“
Ein wenig verwundert reagierten am Anfang die Kunden. Ein Vater in Elternurlaub? Das war neu. Mitunter musste Kempe sich lockere Sprüche anhören: „An so einem sonnigen Tag genießt man das Hausfrauendasein.“ Er ist sicher: „Das war nie böse gemeint. Obwohl immer mehr Männer sich dazu entschließen, ist es noch ungewöhnlich.“
Genau deshalb wirbt Godbersen für sein Modell, das auch für Frauen gilt: „Ich kenne die Angst der Arbeitgeber. Sie sehen das Risiko, dass jemand ausfällt, wenn das Kind krank ist.“ Zudem schaffe eine Vollzeitkraft mehr. Aber: „Wer nach diesem Beispiel handelt, hält gut ausgebildete Kräfte, die aus eigenem Interesse so wenig wie möglich Schwierigkeiten machen.“ Wichtig sei, dass auch ein Mann früh angebe, dass er in Elternurlaub wolle. „Der Arbeitgeber muss wissen, woran er ist.“
Kempe ist jedenfalls zufrieden. Bis Februar 2008 bleibt er für Lukas zuständig. Und dann? „Vielleicht kommt dann das zweite Kind.“
Christian Lipovsek (Holsteinischer Courier v. 16.09.06)

Viel Freiheit für qualifizierte Profis

Professionelle Dienstleister können sich starke Schwankungen in der Qualifikation ihrer Mitarbeiter kaum leisten. Steuerberater Thomas Pracht gewährt seinen Mitarbeiterinnen viele Freiheiten, um ein eingespieltes Team zu halten.
Andrea Omnitz (38), hat es mit ihrem Chef gut getroffen: Als sie vor fünf Jahren ihren kleinen Sohn Leon zur Welt brachte, stand die bange Frage nach einer möglichen Teilzeitbeschäftigung nur ganz kurz im Raum. Fast stufenlos konnte die Buchhalterin ihren Job in der Firma den gewandelten Famlienbedürfnissen anpassen. Nach der Geburt zunächst nur für wenige Stunden, nach dem Start der Spielgruppe dann etwas länger, schließlich seit dem Beginn des Kindergartens 20 Stunden pro Woche steht sie ihrem Chef heute wieder zur Verfügung. Die Mutter und Buchhalterin ist hochzufrieden. Weil die Firma so gut mitspielte, hat sie den Erziehungsurlaub auf ein halbes Jahr verkürzt – und so trotz Baby den Anschluss an den Job behalten.
Eine Kollegin aus dem Hause hat es sogar noch besser getroffen: Die Steuerfachberaterin und Mutter einer achtjährigen Tochter teilt sich ihre Wochenarbeitszeit mit vollem Einverständnis des Chefs eigenständig ein. Der hat ihr zu Hause einen zweiten unabhängigen Dienst-PC mit sicherer Leitung in die Firma einrichten lassen. Ob sie dort arbeitet, weil sie ihre Tochter im Auge behalten möchte, oder doch in der Firma vorbeischaut, bleibt weitgehend ihr selbst überlassen. Ihr Boss verlangt lediglich eine kurzfristige Abstimmung mit den Kolleginnen.
Nanu, ein Chef mit so viel Herz für die Familie? – „Ja“, sagt Thomas Pracht bestimmt, und man nimmt ihm das ohne weiteres ab. Seit einem Schicksalschlag vor neun Jahren – damals starb sein Sohn Lukas im Alter von gerade mal zwei Jahren – engagiert sich der Steuerberater leidenschaftlich für den Verein „Kinderherzen wollen leben e. V.“, der sich die Förderung des Kinderherzzentrums an der Kieler Uniklinik auf die Fahnen geschrieben hat. Seitdem habe er vielleicht ein besonderes Verständnis für Familiensituationen, sagt Pracht.
Allerdings – auch ohne diese persönlichen Erfahrungen würde Pracht, wie er betont, in seinem Unternehmen kaum anders verfahren. Der selbstständige Steuerberater mit derzeit neun Angestellten ist überzeugt, dass sich das große Entgegenkommen bei der Arbeitsplatz- und Arbeitszeitgestaltung seiner Mitarbeiterinnen unter dem Strich auszahlt: Als Dienstleistungsunternehmen lebt er davon, seinen Kunden stets mit gleichbleibend qualifiziertem Personal gegenübertreten zu können. Viele Mandanten vertrauen darauf, in der Steuerberatungsgesellschaft ihre Ansprechpartnerin zu finden, die sich mitunter seit Jahren in der Steuerakte des Klienten auskennt.Wechsel im Personal, das sich erst einarbeiten und Vertrauen zum Mandanten neu erarbeiten muss, ist da wenig hilfreich.
Steuerberater Thomas Pracht hat daher von Anfang an großen Wert auf Mitarbeitertreue gelegt. Dazu gehört für ihn aber auch, dass er seine „Fachfrauen“ auch in der Baby-Pause möglichst ins Bürogeschehen einbindet. Teilzeit und sichere Telearbeitsplätze zu Hause sind für das Steuerberatungsbüro daher seit langem gang und gäbe. Der Firmenchef glaubt sogar, dass seine Fachkräfte zu Hause konzentrierter arbeiten, weil sie vom üblichen Bürobetrieb nicht abgelenkt werden. Eine Arbeitskontrolle erübrigt sich. Die Leistungen der Heimarbeiterinnen lassen sich an den Ergebnissen ablesen. Und die sprechen, Pracht zufolge, für sich. Einzige Bedingung des Chefs: Die flexiblen Arbeitszeiten und Büropräsenzen müssen im Team abgestimmt sein. Schließlich muss bei aller Vorliebe für die Heimarbeit auch der normale Bürobetrieb von 8 bis 17.30 Uhr im Unternehmenssitz laufen. Kleines Sahnehäubchen auf den familienfreundlichen Arbeitsbedingungen im Steuerbüro: Auch die Übernahme der Betreuungskosten für schulpflichtige Kinder ist in der Beratungsgesellschaft Pracht seit Jahr und Tag Standard. Der Ersatz der Kita- und Spielgruppengebühren kann vom Arbeitgeber steuerfrei gewährt werden. Steuerprofi Pracht empfiehlt dieses Instrument vor allem Arbeitgebern, die ihren Mitarbeiterinnen eine Teilzeit schmackhaft machen möchten, um sie trotz Babypause im Unternehmen zu halten. Möglicherweise rechne sich dann für die Betroffenen die Teilzeit eher – trotz hoher Abzüge.
Das „Lokale Bündnis für Familie“ erkundet derzeit über eine Umfrage Neumünsters familienfreundliche Betriebe. Der Courier stellt ausgesuchte Firmen aus der Erhebung in lockerer Folge vor.
Holsteiner Courier v. 27.07.06

Wenn Mama für Markert verkauft

Auf gute Mitarbeiterinnen will ein Unternehmen auch in der Babypause ungern verzichten. In der Markert Gruppe lässt man sich Einiges einfallen, um Familie und Job kombinierbar zu machen.
Wenn gute Geschäftskunden der Markert Gruppe bei ihrer Kundenbetreuerin anrufen, kann es gut vorkommen, dass sich am Telefon ein kleines fünfjähriges Mädchen meldet: „Mama kommt gleich!“ Nicht ausgeschlossen, das dann am Telefon erst einmal ausgiebig über den jüngsten Masernschub des Nachwuchses geplaudert wird, bevor man zum Geschäftlichen kommt. Petra Gau (35) hat keine Probleme damit, die kostbare Zeit der Manager am anderen Ende der Leitung mit Familiengeschichten zu füllen. Die aber offenbar auch nicht. Zu den Kunden pflege sie „einen spannungsfreien Umgang“, und die zu ihr, versichert die 35-Jährige selbstbewusst. Möglicherweise sei dies das Geheimnis „eines etwas anderen Verkaufsstils“.
„Verkaufen hat viel mit Emotionen zu tun – wir haben gute Erfahrungen mit Frauen gemacht“, bringt es Firmenchef Philipp Markert auf den Punkt. Gut die Hälfte der Mitarbeiter, die für das eltweit exportierende Unternehmen den Verkauf organisieren sind Frauen. Um die Besten unter ihnen zu halten, lässt sich das Unternehmen was einfallen.
Vor neun Jahren wurde Petra Gau das erste Mal schwanger und reichte ihren Antrag auf dreijährige Elternzeit ein. Nach einem guten Jahr bekam sie einen Anruf vom Chef, ob sie nicht halbtags wieder einsteigen könne. Damit sich der Deal für ihre Verkäuferin rechnet, sattelte Markert zum Gehalt die (steuerlich absetzbaren) Kosten für die notwendige Tagesmutter oben drauf.
Drei Jahre später bekam Petra Dau ihre zweite Tochter, Unternehmen und Mitarbeiterin knobelten eine neue Teilzeitvariante aus: Der Trick: Nur einen Bruchteil ihrer Arbeitszeit – 15 Stunden an drei Tagen – verbringt Petra Dau an ihrem Schreibtisch im Büro. Den Großteil ihrer Arbeit erledigt sie am PC in der heimischen Wohnung – wo eben auch mal die Töchter ans Telefon gehen.
Die hohe Flexibilität und Unabhängigkeit seien für sie die wichtigste Job-Motivation, versichert die Vertriebsexpertin und zweifache Mutter, „fast mehr als das Gehalt“.
Petra Dau ist der Vorzeige- aber nicht der einzige Fall, der belegt, wie im Hause Markert erfolgreich mit klugen Teilzeit-Lösungen gearbeitet wird. Immerhin 11 von 90 Mitarbeitern schaffen derzeit eine verkürzte Stundenzahl, um Job und Familie eben doch irgendwie in Einklang zu bringen. Die Übernahme der Kinderbetreuungskosten ist bei Markert mittlerweile Standard.
Nicht immer sind Kinder Auslöser für den Wunsch nach Teilzeit: Eine Mittarbeiterin nutzt die verkürzte Arbeitszeit, um die kranke Mutter pflegen zu können.
Firmenchef Philipp Markert ist überzeugt, dass sich die Teilzeitlösungen in seinem Unternehmen rechnen: „Die Mitarbeiter sind eingearbeitet und deshalb für uns von hohem Wert, auch wenn sie uns eine Zeitlang fehlen“, erläutert der Chef. Teilzeitkträfte schaffen konzentriert und schnell und „relativ mehr als in Vollzeit“ sowie immer in dem Wissen „ich habe auch noch Zeit für mich“. Das, so Markert, sei hochmotivierend. Mit Teilzeit hebe man ein Effizienzpotenzial, ist der Chef überzeugt.
Dabei operiert das Unternehmen durchaus auch mit anderen Lösungen: Als Heike Heymann (46) sich 1996 von ihrem Chef in die Kindererziehung verabschieden wollte, überredete der seine Kraft zu einem Kompromiss: Acht Wochen nach der Geburt ihres Sohnes Max arbeitete die Fachkraft aus der Arbeitsvorbereitung wieder Vollzeit – zu Hause bei ihrem Sohn. Ihr Chef hatte ihr den Arbeitsplatz eingerichtet. Erst als Max-Philipp nach drei Jahren in den Kindergarten kam, reduzierte Heike Heymann auf Teilzeit.
Eine empfehlenswerte Lösung?
Die Mutter des mittlerweile neunjährigen Jungen zögert einen Moment: Na, ja, möglicherweise habe sie die Kinderbetreuung doch etwas unterschätzt, vielleicht würde sie heute von vornherein auf Teilzeit drängen. „Aber es war schon angenehm den eigenen Arbeitsplatz zu sichern.“
Das „Lokale Bündnis für Familie“ erkundet derzeit über eine Umfrage Neumünsters familienfreundliche Betriebe. Der Courier stellt ausgesuchte Firmen aus der Erhebung in lockerer Folge vor.
Holsteiner Courier v. 22.07.06

Flexibilität auf Gegenseitigkeit

Familienfreundliche Arbeitsplätze gehören in der Spezialdruckerei S.E.N zur Firmenphilosophie. Arbeitnehmer wie Arbeitgeber profitieren davon gleichermaßen, versichert die Chefin.
Auf ihrer Internetseite wirbt die Spezialdruckerei und Etikettenfabrik Neumünster (S.E.N.) mit einem bemerkenswerten Satz: „Unser wichtigstes Gut sind unsere Mitarbeiter.“ Für Firmenchefin Martina Borucu ist das weit mehr als ein feiner Werbeslogan. Spätestens seit der Übernahme des Familienbetriebs vom Vater vor zwei Jahren versucht die 39-Jährige den „Teamgeist“ ihrer Mannschaft Zug um Zug weiter zu schärfen, zum Wohle der Firma und damit auch ihrer Beschäftigten.
Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg war die Einführung von Arbeitszeitkonten. Die Idee: Soweit es sich irgendwie mit den Arbeitsaufträgen vereinbaren lässt, können die 20 Mitarbeiter nach Absprache mit den Kollegen ihre Arbeitszeit individuell variieren. Bei 40 Wochenstunden dürfen in der Regel acht Minus- oder Plusstunden auflaufen, die dann zu gegebener Zeit wieder nachgearbeitet oder abgefeiert werden.
Zunächst von der Belegschaft argwöhnisch beäugt, erfreut sich das Modell inzwischen großer Beliebtheit unter den Kollegen, freut sich Chefin Martina Borucu über den Coup. Denn schnell hatten die Mitarbeiter raus, dass das neue System durchaus Sinn macht: Arztbesuche am Vormittag, der erkrankte Sohn zu Haus, die ausgefallene Oma bei der Babybetreuung oder der unplanmäßige Schulschluss der Tochter waren plötzlich kein echtes Problem mehr. Kollegen und Chefin zogen plötzlich mit und demonstrierten Flexibilität am Arbeitsplatz.
Borucu, selbst Mutter eines zehnjährigen Sohnes, versucht die neue Flexibilität auch über das Arbeitszeitkonto hinaus umzusetzen: Für ihre Versandmitarbeiterin Jana Ladewig verlegte sie etwa kurzerhand die Arbeitszeiten nach vorn. Jetzt hat die alleinerziehende Mutter am Nachmittag Zeit für die Betreuung ihrer Tochter, die nicht mehr zum Hort kann.
Wie weit die Anpassung an die Bedürfnisse der Mitarbeiter geht, zeigt ein anderes Beispiel aus den WM-Wochen. Weil die Mitarbeiter die spannendsten Begegnungen am Abend nur ungern verpassen wollten, ließ die Chefin kurzentschlossen die Spätschicht ausfallen.
So viel sozialer Luxus in einem kleinen Familienunternehmen?
Firmenchefin Martina Borucu winkt ab: Das Prinzip größtmögliches Entgegenkommens sei durchaus keine Einbahnstraße, die Flexibilität ein Abkommen auf Gegenseitigkeit. Als Gegenleistung für familienfreundliche Arbeitsbedingungen übernähmen die Mitarbeiter ein gutes Stück Verantwortung für das Wohl der Firma.
Was kann ein Unternehmen mehr von seinen Mitarbeitern verlangen?
Das „Lokale Bündnis für Familie“ erkundet derzeit über eine breit angelegte Umfrage Neumünsters familienfreundliche Betriebe. Der Courier stellt ausgesuchte Firmen aus der Erhebung in lockerer Folge vor.
Holsteiner Courier v. 14.07.06

Kinder und Job – es funktioniert

Und es geht doch: Kinder und Job unter einen Hut zu bekommen, ist nicht einfach, aber es geht – wenn der Arbeitgeber mitspielt. Beim Reiseausstatter „Sack & Pack“ ziehen auch die Kollegen mit.
Jedes Geschäft, das laufen soll braucht eine Philosophie. Knut Dade hat darüber lange nachgegrübelt, bevor er vor 16 Jahren sein Fachgeschäft für Reisebedarf am Großflecken eröffnete. Ein wichtiger Bestandteil der Geschäftsphilosophie: Nur zufriedene Mitarbeiter sind engagierte Mitarbeiter. Ein kluger Chef kommt seinen Mitarbeitern immer ein Stück entgegen – gegebenenfalls auch bei der Lebensplanung.
Eine, die davon profitiert ist Dunja Schuster (36), die vor drei Jahren bei „Sack & Pack“ anheuerte. Als sie nach wenigen Monaten schwanger wurde, war sie bereits so gut ins Geschäft integriert, dass der Chef sie nur schweren Herzens in die Babypause entlassen wollte. Eine Garantie, ihren Arbeitsplatz auf Dauer zu halten mochte Dade ehrlicherweise nicht geben („Wer weiß schon, wie sich das Geschäft in einem Jahr entwickelt?“), wohl aber das Versprechen, sich ernsthaft darum zu bemühen.
Chef und Angestellte hielten auch während der Babypause Kontakt, regelmäßig studierte Dunja Schuster Messekataloge und Produktbeschreibungen, um die neuesten Trends bei Reisemoden und Outdoor-Ausstattung nicht zu verpassen – eine wichtige Voraussetzung für die nahtlose Rückkehr ins Geschäft.
Seit Mai dieses Jahres berät die junge Mutter im Laden wieder Reiselustige. Vorerst zweimal in der Woche, am Freitag und Sonnabend, Aufstockung nicht ausgeschlossen. Sohnemann Glenn, mittlerweile ein Jahr, unterhält derweil zu Hause die Oma.
Der Deal nutzt beiden Seiten: Dunja Schuster hat, obwohl als Muttter voll beansprucht, wieder einen Fuß im Beruf. Chef und Kollegen in der Firma profitieren im Gegenzug von ihrer Flexibilität. Ist im Laden Not am Mann, kann die junge Mutter auch kurzfristig für Kollegen einspringen oder wie jetzt zum Ferienstart den Run auf das Geschäft abfangen helfen.
Firmenchef Dade hat diese Art Flexibilität in der Firma längst zum Prinzip erhoben. Drei von fünf Mitarbeitern haben Kinder. Da gibt es immer einmal Situationen, in denen der eine oder andere wegen einer Familiengeschichte ausfällt. Dade ist stolz darauf, dass das von den Kollegen mitgetragen wird. „Das stärkt das Arbeitsklima.“
Das „Lokale Bündnis für Familie“ erkundet derzeit über eine Umfrage Neumünsters familienfreundliche Betriebe. Der Courier stellt ausgesuchte Firmen aus der Erhebung in lockerer Folge vor.
Holsteiner Courier v. 08.07.06

Umdenken für die Familie

Ein Vater, der im Betrieb Elternzeit beantragt, ist ein Weichei. Mütter, die schon ihr Kleinkindder Tagesmutti anvertrauen, sind Rabenmütter. Oder doch nicht ? Das „Lokale Bündnis fü Familie“ will zum Umdenken bewegen.
Sabine Krebs möchte es ganz genau wissen: „Wenn die junge Mutter wieder in den Betrieb einsteigt, wird dann jemand entlassen?“ Knut Dade, Chef des Reiseausstatters „Sack & Pack“ am Großflecken, hat darauf eine beruhigende Antwort. Ihm wachse das Geld nicht aus der Tasche, aber der zusätzliche Mitarbeiter werde sich hoffentlich tragen. Eine Stunde lang stand der Geschäftsmann den Lokalpolitikern Sabine Krebs (CDU), Petra Müller (Grüne), Michaela Schwenck (SPD) und Jens Ruge (FDP) sowie dem Sozialdezernenten Günter Humpe-Waßmuth Rede und Antwort, wie er’s denn mit der Familienfreundlichkeit im Betrieb halte.
Genau das auf breiter Basis herauszufinden, ist Ziel einer Unternehmensumfrage, die das „Lokale Bündnis für Familie“ derzeit in der Stadt organisiert. Auch Dade hat sich an der Aktion beteiligt und bekam prompt Besuch von der Lenkungsgruppe des Projekts. Die aus Selbstverwaltung und Verwaltung gemischte Arbeitsgruppe – allein das ein Novum für Neumünster – soll nichts weniger als Neumünster auf dem Weg zur familienfreundlichen Stadt anschieben. Dies auch aus knallhartem ökonomischem Kalkül: In Zeiten rückläufiger Bevölkerungszahlen dürften in Zukunft diejenigen Kommunen gewinnen, die bei der jungen Generation auch mit dem weichen Standortfaktor Familienfreundlichkeit punkten können. Was dazu eigentlich gehört, wird nach und nach erarbeitet: das passende Angebot an Kinderbetreuung und Schulen, familiengerechte Freizeit-, Wohn- und nicht zuletzt Arbeitsplatzangebote.
Einiges lässt sich politisch entscheiden, etwa die Aufstockung der Kita-Plätze für unter Dreijährige, auf anderen Feldern ist man auf Überzeugungsarbeit angewiesen. Sabine Krebs, die das Thema Familienfreundlichkeit im Rat maßgeblich mit angestoßen hat, sieht die Aufgabe des „Lokalen Bündnis“ denn auch weniger in kurzlebigen Aktionen als im kontinuierlichen Bemühen, das Bewusstsein für die Familie zu schärfen, zum Umdenken anzuregen und das eine oder andere Vorurteil zu kippen. So müssten familienfreundliche Arbeitsbedingungen und Effizienz keineswegs wie oft unterstellt im Widerspruch stehen. Dies belegen auch erste Ergebnisse aus der Unternehmensumfrage.
Der Courier wird in lockerer Folge familienfreundliche Betriebe aus Numünster vorstellen.
Holsteiner Courier v. 29.06.06

Auch kleine Betriebe tun viel für die Familie

Wie familienfreundlich sind Neumünsters Betriebe? Dieser Frage spürt das „LokaleBündnis für Familie“ derzeit in einer Umfrage unter Neumünsters Unternehmen nach.Ein erstes Zwischenergebnis liegt jetzt vor.
Familienfreundliche Arbeitsbedingungen sind offenbar keine Frage der Unternehmensgröße. Das lässt sich aus den ersten Rückläufen zu einer Umfrage herauslesen, mit dem das „Lokale Bündnis für Familie“ derzeit Neumünsters Unternehmen auf den Zahn fühlt.
Von rund 430 angeschriebenen Firmen haben bislang 28 die Fragen nach flexiblen Arbeitszeiten, Freistellungsmöglichkeiten und anderen Formen der Unterstützung ihrer Mitarbeiter mit Kindern beantwortet.
Erstaunliches Ergebnis: Es sind keineswegs nur die großen Unternehmen, die sich gegenüber ihren erziehenden Mitarbeitern ein Entgegenkommen „leisten“. Was bei manchen Großunternehmen per Betriebsvereinbarung fest geregelt ist, wird bei manchem kleinen Unternehmen offenbar in Absprache mit dem Chef und den Kollegen auf „kleinem Dienstwege“ kaum schlechter für die Betroffenen arrangiert.
Flexibel zeigen sich die Unternehmen vor allem bei der Arbeitszeit. Über die Hälfte der Firmen verweist auf flexible Arbeitszeiten, die Einrichtung von Jahresarbeitszeitkonten oder die Chance für Mitarbeiter, während der Elternzeit oder danach in Teilzeit zu arbeiten. 14 Unternehmen bieten nach eigenen Angaben Telearbeitsplätze an oder gestatten ihren Mitarbeitern, Arbeiten zu Hause zu erledigen. 15 Firmen gaben an, Mitarbeiter mit Kindern bei Engpässen in der Kinderbetreuung freizustellen. Immerhin neun Unternehmen gewähren Unterstützung bei der Kinderbetreuung in Notsituationen.
Mitunter geht die Unterstützung erheblich weiter: Das WVG Wasser und VerkehrsKontor an der Havelstraße, hat seinen Mitarbeitern nach eigenem Bekunden in Einzelfällen auch schon mal zinsgünstige Darlehen gewährt, um „familienbedingte“ finanzielle Engpässe zu überbrücken.
Andere Unternehmen setzen auf ganz praktische Hilfen: Das Büro für Umwelt und Verfahrenstechnik in Gadeland hat in seiner Bibliothek einen PC und Schreibtisch für kleine Gäste reserviert: Kinder können hier bei Bedarf mit ins Büro gebracht werden, wenn sie sich selbst beschäftigen können.
Viele Unternehmen übernehmen Fahrtkosten oder Kinderbetreuungskosten oder gestatten die Benutzung des firmeneigenen Fuhrparks, um gute Mitarbeiter mit Kindern im Betrieb zu halten. Mehr als die Hälfte der Unternehmen gab darüber hinaus an, auch während der Elternzeit Kontakt zu ihren Mitarbeitern zu halten und beim Wiedereinstieg in den Beruf zu helfen.
Mitunter wird sogar der Arbeitsbereich angepasst. Der Reiseausstatter „Sack & Pack“ hat eine Mitarbeiterin mit Nachwuchs von Verkaufsaufgaben freigestellt. Jetzt ist die junge Mutter mit Sortier- und Büroarbeiten betraut, zu Zeiten die sie weitgehend selbst bestimmen kann.
Kleiner Wermutstropfen im sonnigen Bild der familienfreundlichen Betriebe: Führungskräfte sind von den Erleichterungen für Familien oft ausgenommen. 15 Unternehmen bieten Teilzeit während der Elternzeit an, aber nur sieben wollen das auch ihren Führungskräften zubilligen.
Silke Kruse von der Beratungsstelle Frau & Beruf, die die Umfrage derzeit für das „Lokale Bündnis“ auswertet, freut sich vor allem, das sich überhaupt so viele Firmen mit dem „Soft-Thema“ familienorientierter Betrieb auseinandersetzen. Das sei vor zwei Jahren noch völlig anders gewesen, staunt die Beraterin. Offenbar setzt sich in den Unternehmen nach und nach die Erkenntnis durch, dass sich familienfreundliche Bedingungen durchaus auszahlen.
Mitunter scheint der Bewusstseinswandel auch generationsbedingt zu sein: „Wir unterstützen ihre Initiative“, schreibt der Chef einer EDV-Firma, „da ich persönlich gerade miterleben muss, wie schwer es für meine Frau ist, nach der Elternzeit in ihre ehemalige Firma integriert zu werden.“
Unternehmen, die sich noch an der Umfrage Famileinfreundlicher Betrieb beteiligen möchten, können den Fragebogen kostenlos bei der Stadt anfordern, Tel. 9422421. Der Courier wird über die Ergebnisse berichten und stellt in lockerer Folge ausgesuchte Betriebe vor.
Holsteiner Courier v. 27.06.06

Erste Betriebe zeigen Familienfreundlichkeit

Viele Unternehmen praktizieren sie bereits, ohne groß Aufhebens davon zu machen: Familienfreundlichkeit im Betrieb. Darauf lassen jedenfalls die ersten Rückläufe zu einer Umfrage des „Lokalen Bündnisses für Familie“ schließen.
„Lokales Bündnis“ wirbt für Beteiligung an Umfrage – 16 Firmen haben bislang geantwortet
Ob Mütter, weil der Babysitter plötzlich erkrankt ist, ihren Nachwuchs mit ins Büro bringen, oder die Kollegen bei der Urlaubsplanung den Kinderreichen wie selbstverständlich den ersten Zugriff lassen – Familienfreundlichkeit ist in Neumünsteraner Unternehmen offenbar viel weiter verbreitet, als viele vermuteten. Das lässt sich aus ersten Rückmeldungen zu einer Umfrage ablesen, mit der das „Lokale Bündnis für Familien“ derzeit Neumünsters Unternehmen auf den Zahn fühlt. Rund 450 Firmen aller Branchen vom Drei-Mann-Betrieb bis zum Großunternehmen hat das Bündnis in den vergangen Tagen angeschrieben, um herauszufinden, in wieweit sie auf die Bedürfnisse erziehender Mitarbeiter eingehen (können).
16 Firmen haben bislang reagiert und den Fragebogen zurückgeschickt. Überraschendes Ergebnis: Ob flexible Arbeitszeiten, Jahresarbeitszeitkonten, Teilzeit oder Unterstützung beim Wiedereinstieg nach der Kinderpause – Unternehmen setzten ihr Kreuzchen im Fragebogen fast durch die Bank unter „gibt es bereits“.
„Das fordert zur Nachfrage heraus“, staunt Hans-Heinrich Voigt vom „Allgemeinen Sozialen Dienst“, der die Umfage-Aktion federführend betreut. Wie sieht etwa die „Unterstützung bei Kinderbetreuung in Notsituationen“ aus, die sich einige Unternehmen auf die Fahne geschrieben haben. Voigt und seine Mitstreiter wollen in den kommenden Tagen telefonisch nachhaken – nicht, um zu kontrollieren, aber um Erfahrungen zu sammeln, die möglicherweise später in einem Forum auch anderen Unternehmen zur Verfügung gestellt werden sollen.
In einigen Fällen werden die Umfrage-Betreuer vielleicht auch Missverständnisse ausräumen können: Man könne die erfragten Leistungen nicht erbringen, „weil wir nur männliche Mitarbeiter haben“, schickte ein Unternehmer den Fragbogen bedauernd zurück. Offenbar ist noch nicht überall verinnerlicht, dass sich Kinder- und Familienfreundlichkeit natürlich auch über Papas Arbeitsbedingungen definieren lässt. Teilzeit oder flexible Arbeitszeiten können die Familien auch entlasten, wenn sie Vätern gewährt werden.
Ein anderes Unternehmen nahm die Umfrage zum Anlass, sich nach Beratung zum Thema Familienfreundlichkeit zu erkundigen. Offenbar sei die Debatte angestoßen, sagt Voigt und freut sich über den ersten Erfolg der Aktion.
Unternehmen, die sich an der Umfrage beteiligen möchten, aber noch keinen Fragebogen bekommen haben, können diesen bei der Stadt abfordern, Tel. 942-2421, oder den identischen Fragebogen rechts ausschneiden und ausgefüllt zurücksenden an:
Stadt Neumünster
Frau & Beruf
z. Hd. Silke Kruse
Plöner Straße
24534 Neumünster
Mit dem Fragebogen sollten die Firmen auch einige Kerndaten zum Unternehmen – Name, Branche, Mitarbeiterzahl und eine Telefonnummer für eventuelle Rückfragen angeben.
Unternehmen, die bei der Aktion als familienfreundlich überzeugen, sollen mit einem werbewirksamen Zertifikat ausgezeichnet werden.
Der Holsteinische Courier begleitet die Aktion als Medienpartner, wird über Ergebnise berichten und ausgewählte familienfreundliche Unternehmen in der Stadt vorstellen.
Holsteiner Courier v. 07.06.06